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Die Formeln der Sexuierung

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Artemisia Gentileschi, Judith enthauptet Holofernes
ca. 1620, Öl auf Leinwand, 146 x 108 cm, Florenz, Uffizien

Seit 1969 erklärt Lacan. „Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“[note]Zuerst in Seminar 16, Von einem Anderen zum anderen, Sitzung vom 22. März 1969; Version Miller, S. 226.[/note] Was in etwa heißen soll: Im Unbewussten gibt es keine Polung auf das biologische Gegengeschlecht. Die ausführlichere Formel lautet: „Es gibt kein sexuelles Verhältnis beim sprechenden Wesen“[note]Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 17. Februar 1971, hier; Version Miller S. 65.[/note] – die Tatsache, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, beruht darauf, dass der Mensch spricht.

In den „quantischen Formeln der Sexuierung“ versucht Lacan, die Struktur dieses Nicht-Verhältnisses näher zu bestimmen. Die vier Formeln sehen so aus:

$latex \exists {x.} \overline {\Phi {x}} &s=1$       $latex \overline {\exists {x.}} \overline {\Phi {x}} &s=1$

$latex \forall {x.} \Phi {x} &s=1$       $latex \overline {\forall {x.}} \Phi {x} &s=1$

Quantische Formeln der Sexuierung

Er entwickelt die Formeln zwischen 1971 und 1974 in den Seminaren 18 bis 21, in der Vorlesungsreihe Das Wissen des Psychoanalytikers  sowie in dem Aufsatz L’Étourdit.[note]Die Ausarbeitung der Sexuierungsformeln beginnt in der zweiten Hälfte von Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, in der Sitzung vom 17. März 1971 (Übersetzung auf dieser Website hier). Sie setzt sich dann in Seminar 19 fort (… oder schlimmer, 1971/72), dort in nahezu jeder Sitzung – Seminar 19 ist das Seminar über die Formeln der Sexuierung. Die endgültige Fassung der Formeln findet man zuerst in diesem Seminar, in der Sitzung vom 12. Januar 1972 (vgl. Version Miller, S. 39).
Parallel zu Seminar 19 hält Lacan eine Vorlesungsreihe mit dem Titel Das Wissen des Psychoanalytikers, auch hier äußert er sich zu den Formeln der Sexuierung (Miller hat die entsprechenden Vorträge aus Das Wissen des Psychoanalytikers in seine Ausgabe von Seminar 19 integriert).
Hiernach erläutert Lacan die Formeln in dem Aufsatz L’Étourdit (1972). In: J. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 449 –495, hier: S. 458 ff. (vgl. die (Teil-)Übersetzung dieses Aufsatzes durch Max Kleiner auf dieser Website hier).
In Seminar 20, Encore (1972/73), bezieht Lacan sich in der Sitzung vom 13. März auf die Formeln, in Seminar 21, Les non-dupes errent (1973/74) in den Sitzungen vom 19. Februar, 9. April und 14. Mai 1974.[/note] Die Formeln sind „quantisch“, insofern in ihnen auf eine spezielle Weise „Quantoren“ verwendet werden, d.h. die Ausdrücke „es existiert“ ($latex \exists &s=1$) und „alle“ ($latex \forall &s=1$), die man zu Beginnn der vier Formeln findet. Das Wort sexuation („Sexuierung“) ist offenbar ein von Lacan erfundener Neologismus, aufbauend auf dem gebräuchlichen Adjektiv sexué, „geschlechtlich differenziert“; es soll darauf verweisen, dass die Geschlechtszugehörigkeit nicht gegeben ist, sondern auf einer komplexen Struktur und Dynamik beruht. In der Sekundärliteratur hat sich die Kurzbezeichnung „Formeln der Sexuierung“ eingebürgert.[note]Lacan verwendet die Ausdrücke sexuation und formules quantiques de la sexuation in Seminar 21, Les non-dupes errent, in der Sitzung vom 9. April 1974.[/note]

Lacan verwendet Formeln, die an die Quantorenlogik (oder Prädikatenlogik) angelehnt sind, da er der Auffassung ist, dass die Sexuierung eine logische Struktur hat. Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache, das heißt in diesem Fall: wie die geschriebene Sprache von Lacans Logik-Adaption.

Die beiden rechten Ausdrücke werden von Lacan der „Frau-Seite“ zugerechnet, die beiden linken der „Mann-Seite“. Man sieht auf einen Blick, worin die beiden Seiten sich unterscheiden: in der Art, wie die Quantoren ins Spiel kommen. Auf der rechten Seite, der Frau-Seite, haben die Quantoren einen Negationsstrich ($latex \overline {\exists \text {x}} &s=1$, $latex \overline {\forall \text {x}} &s=1$), auf der linken Seite, der Mann-Seite, nicht ($latex \exists &s=1$, $latex \forall &s=1$). Ansonsten sind die beiden Seiten gleich.

Im Folgenden skizziere ich zunächst den theoretischen Hintergrund der Formeln. Dann gebe ich Hinweise dazu, warum es sich um genau vier Formeln handelt, und Erläuterungen dazu, wie Lacan die Quantoren einige und allesowie die Negation verwendet und was er unter einer Funktion versteht. Schließlich erläutere ich die Formeln im Einzelnen, Zeichen für Zeichen.

Der Ausdruck „Lust“ steht in diesem Artikel immer für Lacans Begriff jouissance; eine Begründung für diese Übersetzung findet man in diesem Blogartikel.

Es gibt kein sexuelles Verhältnis

Für Lacan gilt das Prinzip „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“; die Formeln stellen die logische Struktur dieser Aussage dar. Das Theorem „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ ist mit den folgenden Hintergrundannahmen verbunden:

(1) Das Reale des sexuellen Verhältnisses.– Ausgangspunkt für Lacans Rekonstruktion der sexuellen Differenz in psychoanalytischer Perspektive ist der Satz „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“. Das meint: Die Beziehung zwischen den biologischen Geschlechtern ist etwas Reales im Sinne von Lacan, d.h etwas, das im Rahmen der Psychoanalyse nicht symbolisiert werden kann. Einen ersten Versuch, diese These zu begründen, unternimmt er in Seminar 14 von 1966/67, Die Logik des Phantasmas, die Formel lautet hier: „Es gibt keinen sexuellen Akt“.

(2) „Sexuell“.– In „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ haben die Ausdrücke „sexuell“ und „Verhältnis“ eine spezielle Bedeutung. „Sexuell“ meint hier „Beziehung zwischen Mann und Frau“.[note]So definiert Lacan den Begriff „Sexualität“ ausdrücklich in Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 20. Januar 1971, vgl. meine Übersetzung hier; Version Miller S. 31.[/note]

(3) „Verhältnis“.– Der Ausdruck „Verhältnis“ meint hier eine Relation zwischen unbewussten Signifikanten.

Ein „sexuelles Verhältnis“ wäre also die stabile Beziehung zwischen den unbewussten Signifikanten „Mann“ und „Frau“ oder „männlich“ und „weiblich“.

Der Satz „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ hat zwei Bedeutungen. Gemeint ist erstens: Das Unbewusste, als Apparat von Signifikanten aufgefasst, sorgt nicht dafür, dass es für einen Mann genau eine Frau gibt und für eine Frau genau einen Mann. Lacan formuliert es so:

„Das Wesentliche des Verhältnisses ist eine Abbildung, a wird abgebildet auf b [a → b], und wenn Sie es nicht a und b schreiben, haben Sie es nicht mit dem Verhältnis als solchem zu tun.  Das besagt nicht, dass sich im Realen nicht Dinge ereignen, aber mit welchem Recht würden Sie das als Verhältnis bezeichnen?“[note]Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 17. Februar 1971, meine Übersetzung (siehe hier); vgl. Version Miller S. 65.[/note]

Eine Abbildung oder Funktion ist eine Zuordnung zwischen den Elementen von zwei Mengen, wobei einem Element der einen Menge genau ein Element der anderen Menge zugeordnet ist, jedoch nicht umgekehrt. Wenn man die beiden Mengen als die der Männer und die der Frauen auffasst, besagt die zitierte Stelle, dass nicht einem Mann genau eine Frau zugeordnet ist oder, alternativ, dass nicht einer Frau genau ein Mann zugeordnet ist.

Dass es kein sexuelles „Verhältnis“ gibt, meint außerdem: Im Unbewussten gibt es keine Signifikanten für die biologische Geschlechtsdifferenz, und aus diesem Grunde ist im Unbewussten eine Polung auf das biologische Gegengeschlecht nicht möglich. Das ist eine These von Freud – im Unbewussten gibt es keine Vorstellungen für „männlich“ und „weiblich“.[note]Vgl. etwa S. Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 546–550.[/note] In Lacans Worten: „Im Psychismus findet sich nichts, mit dessen Hilfe sich ein Subjekt als männlich oder weiblich ausweisen könnte.“[note]Seminar 11, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse (1964), Sitzung vom 27. Mai 1965, Version Miller/Haas S. 214.[/note] Es gibt im Unbewussten also auch keine Opposition zwischen dem Signifikanten „Mann“ und dem Signifikaten „Frau“. In der normalen Sprache gibt es solche Signifikanten-Kopplungen, man spricht von „Mann“ und von „Frau“ und man stellt Beziehungen zwischen ihnen her, etwa in Gestalt von „Ehemann“ und „Ehefrau“.

(4) Heterogenität der Lüste.– „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ meint auch: Die Lüste der beiden Seiten sind unterschiedlich strukturiert. Sie entsprechen sich nicht, sie verhalten sich nicht symmetrisch oder komplementär zueinander, sondern sind heterogen oder, wie Lacan auch sagt, inkommensurabel, sie haben kein gemeinsames Maß.[note]Den Begriff der Inkommensurabilität entwickelt Lacan in Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, zuerst in der Sitzung vom 31. Mai 1967.[/note]

Man denke an die folgende Bemerkung von Freud über die Sexualfunktion, auf die Lacan sich gelegentlich bezieht: „Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Befriedigung und dränge uns auf andere Wege. Es mag ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden.“[note]S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 235.[/note]

Das Reale des sexuellen Verhältnisses, seine Unmöglichkeit, zeigt sich in der Inkommensurabilität der Lüste. Das Symbol für diese Lust-Diskrepanz ist das minus klein phi, (–φ), das Zeichen für die Kastration. Vom Penis wird erwartet, dass er eine Gemeinsamkeit der Lust eines Mannes und einer Frau ermöglicht, er versagt jedoch in dieser Funktion und ist insofern negativiert.[note]Vgl. Seminar 10, Sitzung vom 19. Juni 1963, Version Miller/Gondek S. 372.[/note] Die sogenannte Kastrationsangst bezieht sich eben hierauf.

Worin besteht die Heterogenität der Lüste? Lacan betont, dass der Orgasmus nicht zu einer Verschmelzung führt, nicht zu einer Einheit des Paars auf der Ebene der Lust.[note]Vgl. Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, Sitzung vom 1. März 1967; Seminar 15, Der psychoanalytische Akt, Sitzung vom 21. Februar 1968.[/note] Das ist jedoch nur ein erster Zugang. Letztlich geht es Lacan bei den Formeln der Sexuierung zwar darum, dass die Lüste von Männern und die von Frauen sich nicht entsprechen, die Diskrepanz besteht für ihn jedoch nicht wesentlich darin, dass beim Koitus der Orgasmus von Frauen anders abläuft als der von Männern.

(5) Die Unmöglichkeit des sexuellen Verhältnisses.–  Das Reale ist das Unmögliche, sagt Lacan, und er verweist für das Unmögliche auf die durch Mengenlehre und Logik präzisierbaren Strukturen der Unentscheidbarkeit, der Inkonsistenz, der Unbeweisbarkeit, des Widerlegbaren und der Unvollständigkeit.[note]Vgl. L’Ètourdit, a.a.O., S. 452.[/note] Das Reale des sexuellen Verhältnisses ist zugänglich durch die logischen Sackgassen, in die man gerät, wenn man versucht, dieses Verhältnis formal darzustellen. Eine Theorie des sexuellen Nicht-Verhältnisses steht vor der Aufgabe, diese logische Unmöglichkeit zu rekonstruieren.

(6) Das Fehlen.– Die Sexualität ist im psychischen Apparat nicht durch die Signifikanten „Mann“ und „Frau“ repräsentiert, sondern durch ein Fehlen, einen Mangel.[note]Vgl. etwa Seminar 11, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Sitzung vom 27. Mai 1964, Version Miller/Haas S. 215.[/note] Lacan bringt hier verschiedene Arten des Fehlens ins Spiel, das wesentliche Fehlen ist für ihn mit dem Kastrationskomplex verbunden.

(7) Verhältnis von Kastrationskomplex und Ödipuskomplex.– Freud zufolge unterscheiden sich Mädchen und Jungen durch das Verhältnis von Kastrationskomplex und Ödipuskomplex: Das Mädchen kommt durch den Kastrationskomplex in den Ödipuskomplex hinein, der Junge kommt durch den Kastrationskomplex aus ihm heraus.[note]Vgl. S. Freud: Über die weibliche Sexualität (1931). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 273–292, hier: S. 279 f.– S. Freud: Die Weiblichkeit. In: Ders.: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 544–565, hier: S. 559 f.[/note] Lacan übernimmt den Grundgedanken: Männer und Frauen unterscheiden sich durch das Verhältnis von Kastrationskomplex und Ödipuskomplex. Die Formeln der Sexuierung zielen darauf ab, diesen Unterschied neu zu bestimmen, nicht mehr (wie bei Freud) diachron, als Abfolge von Phasen, sondern synchron, als Struktur, als eine logische Unmöglichkeit im Verhältnis von Ödipuskomplex und Kastrationskomplex.

(8) Kastrationskomplex.– Gemeinsam ist beiden Seiten, dass die Lust durch den Kastrationskomplex strukturiert wird. Der Kastrationskomplex greift in die verschiedenen Lüste ein und strukturiert sie um. Der Kastrationskomplex besteht in der Negativierung des Penisorgans. Bei Freud ist dies für die männliche Seite die Kastrationsdrohung, für die weibliche Seite das Nicht-Haben des Penis.

Durch diese Negativierung kommt es zur Verwandlung des Penis in einen Signifikanten, in den „Phallus“.

Der Phallus-Signifikant fungiert unbewusst als Symbol für eine fehlende Lust, für eine Lust, die durch das Wirken des Lustprinzips unzugänglich ist (also durch die Tendenz zur Vermindung der Spannung) und die, darauf aufbauend, aufgrund der Sprache versperrt ist, durch ein Gesetz, ein Verbot, eine Drohung.[note]Vgl. Lacan: „Doch nicht das Gesetz selbst versperrt den Zugang des Subjekts zum Genießen; es macht einzig aus einer nahezu natürlichen Barriere ein schräggestrichenes Subjekt [sujet barré]. Denn es ist die Lust [plaisir], die dem Genießen seine Grenzen beibringt, die Lust als Bindung des Lebens, des unzusammenhängenden, bis eine andere und selbst nicht bestreitbare Untersagung sich aus dieser durch Freud als Primärvorgang und passendes Gesetz der Lust entdeckten Regulierung erhebt.“ (J. Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freud’schen Unbewussten. In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 325–361, hier: 360.[/note]

Durch den Phallus-Signifikanten wird der Lustmangel auf das  Verhältnis zwischen den Geschlechtern bezogen, der Phallus symbolisiert die fehlende Lust in der Beziehung zu einem Partner des anderen Geschlechts. Im sexuellen Akt materialisiert der Penis die fehlende Lust durch die „Detumeszenz“, wie Lacan sich ausdrückt, durch das Abschlaffen.[note]Über die Funktion der Detumszenz spricht Lacan ausführlich in Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, zuerst in der Sitzung vom 1. März 1967.[/note]

Der Phallus-Signifikant fungiert als Symbol  für die durch die Masturbation erreichbare unzugängliche Lust[note]Vgl. Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, Sitzungen vom 8. Mai und vom 7. Juni 1967.[/note] oder für die unzugängliche inzestuöse Lust oder für die Lust, die in der Beziehung zwischen den Geschlechtern verfehlt wird[note]In Seminar 11, Die vier Grundbegriffe, heißt es, der Phallus bedeutet „einen Ausfall (…) hinsichtlich dessen, was an Realem in Absicht des Geschlechts erreicht werden könnte“ (Sitzung vom 4. März 1964, Version Miller/Haas S. 109).[/note].

Lacan verweist hierzu auf den ägyptischen Mythos von Osiris, der von seinem Bruder Horus zerstückelt wird; Isis, die Ehefrau von Osiris, sammelt die Teile wieder ein und stellt den Körper von Osiris wieder her, nur den Penis kann sie nicht wiederfinden. Der Penis wird damit für sie zum Symbol einer auf ewig verlorenen Lust, zum Phallus.[note]Vgl. Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, Sitzung vom 7. Juni 1967.[/note]

Freud kennt ein „Genitalprimat“: die Partialtriebe werden unter das Primat der genitalen Lust gebracht. Lacan weist dieses Konzept zurück. An die Stelle des Genitalprimats setzt er das Kastrationsprimat: die Partialtriebe werden durch den Kastrationskomplex so reorganisiert, dass die Beziehung zu einem Sexualpartner zugleich versperrt und möglich wird.

Die Strukturierung der Lust durch den Kastrationskomplex wird von Lacan, bezogen auf die Formeln der Sexuierung, als „phallische Funktion“ bezeichnet.

(9) Phallus als Ursache.– Der Kastrationskomplex – und damit der Phallus – ist die Ursache für das Fehlen des sexuellen Verhältnisses. Lacan:

„(…) diese Funktion des Phallus macht dann die sexuelle Bipolarität unhaltbar, auf eine Weise unhaltbar, durch die sich buchstäblich das verflüchtigt, worum es bei dem geht, was über dieses Verhältnis geschrieben werden kann.“[note]Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 17. Februar 1971, meine Übersetzung; vgl. Version Miller, S. 65.[/note]

Die Funktion des Phallus macht die sexuelle Bipolarität insofern unhaltbar, als es im Unbewussten nicht um männlich/weiblich geht, sondern ein drittes Element ins Spiel kommt, der Phallus, und als es Lacan zufolge auch nicht um die Alternative geht, den Phallus zu haben oder nicht zu haben, sondern darum, den Phallus zu haben oder der Phallus zu sein (vgl. hierzu Morel, Die phallische Funktion, hier).

(10) Kastrationskomplex als Ersatz.– Der Kastrationskomplex ist nicht nur die Ursache für das Fehlen des sexuellen Verhältnisses, er liefert zugleich einen Ersatz dafür. Vermittelt durch den Kastrationskomplex beziehen Menschen sich auf Sexualpartner. Das Unbewusste bezieht sich bekanntlich immer auf die Sexualität, und das meint für Lacan: Die Beziehung zu einem sexuellen Partner ist durch den Kastrationskomplex vermittelt.
/_/ Hier fehlt (bei Lacan?) eine Erklärung für den Unterschied zwischen homosexuellen und heterosexuellen Beziehungen.

(11) Koitus, Phallus und Objekte a.– Der sexuelle Akt – der Koitus – ist als Wiederholung aufzufassen.[note]Vgl. Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, Sitzung vom 22. Februar 1967.[/note] Die Wiederholung dreht sich darum, etwas zu erreichen, das beständig fehlt, d.h. um die Kastration. Dieses Fehlen wird durch den Phallus verkörpert bzw. durch die Objekte a als Phallussymbole, als Symbole der Kastration.[note]In Seminar 11, Die vier Grundbegriffe des Psychoanalyse, heißt es: „Das Objekt a ist ein etwas, von dem als Objekt das Subjekt sich getrennt hat zu seiner Konstituierung. Dieses Objekt gilt als Symbol des Mangels, das heißt des Phallus, und zwar nicht des Phallus an sich, sondern des Phallus, insofern er einen Mangel / ein Fehlen darstellt.“ (Sitzung vom 4. Märzu 1964, Version Miller/Haas S. 110)
In einer späteren Sitzung desselben Seminars liest man, das Objekt a habe „die Funktion, das zentrale Fehlen des Begehrens zu symbolisieren, das ich immer einheitlich ausgedrückt habe durch den Algorithmus (–φ)“ (Sitzung vom 11. März 1964, Version Miller/Haas S. 112).[/note]

„Gibt es im sexuellen Akt etwas, wo (…) das Subjekt sich als sexuiert einschreiben würde, wodurch es in eben diesem Akt seine Verbindung herstellen würde mit dem Subjekt des Geschlechts, das man als entgegengesetzt bezeichnet? Es ist völlig klar, dass alles in der psychoanalytischen Erfahrung dagegen spricht, dass in diesem Akt nichts ist, was nicht bezeugt, dass nur ein solcher Diskurs eingesetzt werden könnte, in dem das Dritte zählt, das ich eben hinreichend angekündigt habe, das ich durch die Präsenz des Phallus und der Partialobjekte angekündigt habe, und dessen Funktion wir jetzt artikulieren müssen, auf eine Weise, die uns zeigt, welche Rolle diese Funktion in diesem Akt spielt. Eine immer gleitende Funktion, eine Funktion der Ersatzbildung, die nahezu einer Art Jonglieren gleichwertig ist und die es uns keinesfalls gestattet, im Akt – ich meine im sexuellen Akt – den Mann und die Frau als solche zu setzen, die in einem ewigen Wesen entgegengesetzt wären.“[note]Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, Sitzung vom 12. April 1967, meine Übersetzung.[/note]

Insofern hat der sexuelle Akt – der Koitus – die Struktur des Phantasmas: das im Wiederholungszwang befangene und damit gespaltene Subjekt ($) bezieht sich auf das, was verloren ist, auf den Phallus (als Symbol für das, was fehlt) bzw. auf das Objekt a (als Phallusmetapher).

In Seminar 20, Encore, werden die Formeln der Sexuierung durch ein Diagramm ergänzt[note]Seminar 20, Encore, Sitzung vom 13. März 1973, Version Miller/Haas u.a. S. 83.[/note]:

Darin bezieht sich der von links ($) nach rechts (a) führende Pfeil auf die phantasmatische Struktur des sexuellen Akts (und damit der Erzeugung von Menschen).

Der Kastrationskomplex bewirkt, dass die Beziehung zwischen Männern und Frauen nicht symmetrisch ist und nicht komplementär; Lacan widerspricht ausdrücklich der Position von C.G. Jung, wonach sich Mann und Frau wie Yin und Yang zueinander verhalten.[note]Vgl. Seminar 15, Der psychoanalytische Akt, Sitzung vom 21. Februar 1968.[/note] Zwischen Mann und Frau ist im sexuellen Akt immer etwas Drittes wirksam, der Phallus.[note]Vgl. etwa Seminar 14, Der psychoanalytische Akt, Sitzung vom 1. März 1967.[/note]

(12) Lust und Begehren.– Der Kastrationskomplex besteht in der Negativierung des Penisorgans, und zwar in dem Moment, in dem im Feld des Anderen das sexuelle Begehren auftaucht.[note]Vgl. Seminar 10, Die Angst, Sitzung vom 8. Mai 1963; Version Miller/Gondek S. 286.[/note] Das Begehren ist das Begehren des Anderen (das Begehren auf der Seite des Anderen). Der Phallus verbindet also Lust und Begehren: er ist das Symbol eines Mangels auf der Ebene der Lust („Seinsmangel“) und zugleich das Symbol des Begehrens.

(13) Unterschiedliches Verhältnis zum Kastrationskomplex.– Dabei verhalten sich die beiden Geschlechter auf unterschiedliche Weise zum Kastrationskomplex und damit auf unterschiedliche Weise zu Partnern des anderen Geschlechts. Die Formeln der Sexuierung zielen darauf ab, diesen Unterschied zu bestimmen und damit ein Verhältnis, bei dem es keine Komplementarität gibt – die beiden Seiten ergeben kein Ganzes.

(14) Am Platz des Phallus.– Auf der Mann-Seite besteht die Negativierung des Penisorgans im Masturbationsverbot, in der „Sexualeinschüchterung“, wie Freud es nennt; der Penis wird zum Symbol der verbotenen Lust und damit zum Phallus. Das wiederum ermöglicht ihm den Bezug auf eine Partnerin des anderen Geschlechts: der Körper der Partnerin kommt an den Platz dieser subtrahierten Lust.[note]Diese These wird entwickelt in Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, zuerst in den Sitzungen vom 12. und 19. April 1967.[/note] Die Lust erhält so einen Objektbezug; aus „er hat Lust“ (il jouit) wird „er hat Lust an“  (il jouit de).[note]Vgl. Seminar 14, Die Logik des Phantasmas, Sitzung vom 19. April 1967.[/note]

(15) Urvater als Ausnahmewesen.– Der Kastrationskomplex ist mit dem Ödipuskomplex verbunden, und der Ödipuskomplex besteht, Lacan zufolge, auf der männlichen Seite letztlich darin, dass ein Ausnahmewesen ins Spiel gebracht wird: der Freud’sche Urvater, der „alle Weibchen“ besitzt[note]Freud: „Die Darwinsche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter.“ (S. Freud: Totem und Tabu (19121913). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 287444, hier: S. 425)[/note] und dessen Lust keiner Einschränkung unterliegt.[note]Vgl. L’Étourdit, a.a.O., S. 458.[/note] Der Ödipuskomplex wird von Freud in Totem und Tabu formuliert, sagt Lacan, nämlich im Mythos vom Urvatermord, und nicht etwa dort, wo Freud sich auf den griechischen Mythos und auf das Drama König Ödipus von Sophokles bezieht.[note]Vgl. Seminar 15, Der psychoanalytische Akt, Sitzung vom 21. Februar 1968.[/note]

Das Genießen des Anderen als Dreh- und Angelpunkt erscheint, wenn ich recht sehe, zuerst in der Theorie des Sadismus in Kant mit Sade (1963). Ich vermute deshalb, dass Lacan den Urvater ins Spiel bringt, um dem sadistischen Charakter des Über-Ichs gerecht zu werden. Das würde heißen: Die über den Phallus vermittelte Beziehung zu einem Partner des anderen Geschlechts geht mit Schuldgefühl einher.[note]In diese Richtung geht die folgende Bemerkung in Seminar 14, Die Logik des Phantasmas: „ (…) es erscheint ja, das der sexuelle Akt noch nicht in den Rang dessen übergegangen ist, was man in einer Snackbar befriedigt, um es klar zu sagen, dass der sexuelle Akt noch diese Art von bizarrer Wirkung mit sich führt und noch lange mit sich führen muss, von was weiß ich, von Diskordanz, von Defizit, von etwas, das nicht in Ordnung kommt und das Schuldgefühl heißt.“ (Sitzung vom 18. März 1967)[/note]

(16) Verhältnis zum Namen-des-Vaters.– Der Vater ist im Kontext der Formeln der Sexuierung für Lacan also nicht mehr nur die Instanz, die das Gesetz verhängt – der Name-des-Vaters –, sondern auch derjenige, der Lust an allen Frauen hat. Lacan übernimmt damit Freuds Konstruktion aus Totem und Tabu: Die Unterwerfung unter das Gesetz (unter den „Namen-des-Vaters“) beruht letztlich auf der Beziehung zu einem Urvater, der in Freiheit seine Lust befriedigen kann.

In der Formel der Vatermetapher von 1958 fungierte der Name-des-Vaters als Ersatz für das Begehren des Kindes nach dem Begehren der Mutter.[note]Vgl. J. Lacan: Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht. In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 9–71, hier: S. 40 f.[/note] An die Stelle des Begehrens nach dem Begehren der Mutter tritt jetzt der Vater, der in Freiheit seine Lust befriedigt.

(17) Universum.– Auf der Mann-Seite fungiert der Vater demnach, bezogen auf die Prägung der Lust durch den Kastrationskomplex, als die Ausnahme. Durch den Bezug auf diese Ausnahme bilden die Elemente der männlichen Hälfte einen bestimmten Typ von Vielheit, nämlich ein „Universum“, wie Lacan sagt[note]Vgl. L’Étourdit, a.a.O., S. 456, 466 f.[/note], ein Ganzes. (Dieser Universums-Charakter wird dann in den Formeln durch den Quantor „alle“ dargestellt.)
/_/ Wie zeigt sich in der psychoanalytischen Erfahrung, dass es auf der männlichen Seite ein Universum gibt?

(18) Menge.– Statt vom „Universum“ spricht Lacan auch von der „Menge“. Eine Vielheit vom Typ der Menge wird demnach durch den Bezug auf eine Ausnahme konstituiert. Eine intuitive Erläuterung dieses Gedankens ist der Kreis, der in der bildlichen Darstellung einer Menge um die Elemente gezogen wird.

(19) Gemeinsamkeit des Kastrationskomplexes.– Richtig an Freuds Position ist (in Lacans Augen): Auch Frauen beziehen sich auf dem Weg über die Kastration auf Partner des Gegengeschlechts.

Das ist vereinbar mit Freuds Konzeption des Penisneids: Das Mädchen ist überzeugt, den Penis nicht zu haben, will ihn haben, verwandelt diesen Wunsch in den Wunsch, vom Vater ein Kind zu haben, und ersetzt schließlich den Vater durch einen anderen Mann; Voraussetzung für diese Dynamik ist die Unterdrückung der Autoerotik.[note]Vgl. S. Freud: Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds (1925). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 253–266.[/note]

Falls ich es recht verstanden habe, nimmt für Lacan die über den Kastrationskomplex vermittelte Beziehung einer Frau zu einem männlichen Partner vor allem zwei Formen an:
– Eine Frau übernimmt die Position, die ihr der Mann zuweist; ihr Körper tritt an die Stelle der untersagten Penislust. Damit wird sie zum „phallischen Objekt“, wie Lacan sagt, sie „ist“ der Phallus in dem, was Lacan (mit Joan Riviere) als weibliche „Maskerade“ bezeichnet.[note]Vgl. J. Lacan: Die Bedeuutng des Phallus (1958). In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 192–204, hier: S. 203.– J. Lacan: Richtungweisende Themenvorschläge für einen Kongress über die weibliche Sexualität. In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 239–256, hier: S. 247.– Lacan verweist in diesen beiden Aufsätzen für das Konzept der Maskerade nicht auf Riviere, wohl aber immer wieder in den Seminaren, vgl. etwa Seminar 5, Die Bildungen des Unbewussten, Sitzung vom 5. März 1958; Version Miller/Gondek S. 300.
Joan Rivière: Womanliness as a masquerade. In: The International Journal of Psycho-Analysis, 10. Jg. (1929), S. 303313. Es gibt zwei deutsche Übersetzungen: Weiblichkeit als Maske. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 15. Jg. (1929), S. 285296 (der Name des Übersetzers wird hier nicht genannt); Weiblichkeit als Maskerade. Übersetzt von Ursula Rieth. In: Liliane Weissberg (Hg.): Weiblichkeit als Maskerade. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994, S. 3447.[/note] Dies kann damit einhergehen, dass ihr ihre eigene Lust unzugänglich ist, dass sie „frigide“ ist, wie man früher sagte.[note]Vgl. Lacan, Richtungweisende Themenvorschläge für einen Kongress über die weibliche Sexualität, a.a.O., hier: S. 249.[/note]
– Eine Frau bezieht sich auf ihren männlichen Partner als denjenigen, der kastriert ist, notfalls „kastriert“ sie ihn[note]Lacan:“Für die Frau braucht es zumindest dies, dass die Kastration möglich ist – das ist ihr Zugang zum Mann. Wenn es darum geht, sie zur Tat werden zu lassen (passer à l’acte), besagte Kastration, so kümmert sie sich drum.“ (Seminar 19, … oder schlimmer, Sitzung vom 12. Januar 1972, meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller S. 47)[/note], das könnte heißen: Sie verhängt über seine Penislust eine Art Verbot.
/_/ Worin genau besteht (in der Sicht von Lacan) die durch die Kastration vermittelte Beziehung einer Frau zu einem Partner des anderen Geschlechts?

(20) Kein Ausnahmewesen.– Die Differenz zwischen den beiden Seiten beruht auf der unterschiedlichen Rolle von Vater und Mutter. Für die Mitglieder der männlichen Seite ist der Bezug zum Vater bestimmend; der Vater fungiert für sie letztlich als Ausnahme, die der Kastration entgeht. Für die Mitglieder der weiblichen Seite hingegen spielt die Mutter die Schlüsselrolle. In L’Étourdit drückt Lacan das so aus:

„Insoweit steht das Freud’sche Hirngespinst vom Ödipuskomplex, das in diesem die Frau als Fisch im Wasser sieht, da die Kastration bei ihr am Anfang stünde (Freud dixit), in schmerzlichem Kontrast zu der Tatsache, wie verheerend bei der Frau, meistens, das Verhältnis zu ihrer Mutter ist, von der sie als Frau mehr Unterhalt zu erwarten scheint als von ihrem Vater – was nicht mit ihm geht, da er Zweiter ist, in dieser Verheerung.“[note]L’Étourdit, a.a.O., S. 465, übersetzt von Max Kleiner, hier.[/note]

Auch noch in dieser Freudkritik folgt Lacan Freud, der in späten Texten selbstkritisch die entscheidende Rolle der präödipalen Mutterbindung beim Mädchen hervorhebt.[note]Vgl. Freud, Über die weibliche Sexualität, a.a.O.[/note] Die Mutter fungiert aber hinsichtlich der Kastration nicht als Ausnahme; in Freuds Terminologie: Dem Mädchen gilt die Mutter als kastriert. Außerdem verarbeitet Lacan hier vermutlich Freuds These, dass das Über-Ich bei Frauen anders ausgebildet ist als bei Männern: weniger unerbittlich, weniger unpersönlich.[note]Vgl. Freud, Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds, a.a.O., S. 265 f.[/note]

(21) Kein Universum.– Für die weibliche Hälfte gibt es also kein Ausnahmewesen, und das hat zur Folge, dass die Vielheit der Mitglieder der weiblichen Seite kein „Universum“ bildet, kein Ganzes, keine abgegrenzte Totalität.[note]Vgl. L’Étourdit, a.a.O., S. 466.[/note]  Lacan formuliert es auch so: „Es gibt nicht Die Frau, bestimmter Artikel, um das Universale zu bezeichnen.“[note]Seminar 20, Encore, Sitzung vom 20. Februar 1973; Version Miller/Haas u.a. S. 80, Übersetzung geändert.[/note] „Die“ Frau steht hier im Gegensatz zu „eine“ Frau oder zu „Frauen“.
/_/ Auf welche Erfahrungen der psychoanalytischen Praxis bezieht sich Lacan, wenn er sagt, die Mitglieder der weiblichen Hälfte bildeten kein „Universum“?

(22) Keine Menge.– Anders gesagt: Die Element der weiblichen Hälfte bilden keine Menge. Zu diesem Theorem hat Lacan sich durch die Russell’sche Paradoxie anregen lassen: Die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten, ist keine Menge.

(23) Quantoren.– Die Unterschiede im Verhältnis zum Kastrationskomplex können durch Quantoren ausgedrückt werden. Alle Männer beziehen sich auf den Kastrationskomplex, nicht alle Frauen beziehen sich auf den Kastrationskomplex.

(24) Verhältnis von Kastrationskomplex und Ödipuskomplex.– Kurz gesagt, bezogen auf den Kastrationskomplex fungieren die beiden Hälften gleichartig, bezogen auf den Ödipuskomplex (Rolle des Ausnahmeelements) jedoch  anders.

(25) Weibliche Lust.– Eine Frau bezieht sich auf einen männlichen Partner auf dem Weg über die Kastration, aber damit erschöpfen sich ihre Lustmöglichkeiten nicht. In L’Étourdit schreibt Lacan:

„Sagen, dass eine Frau nicht alle ist, darauf weist uns der Mythos [von Teiresias] hin, da sie die Einzige sei, insofern ihre Lust diejenige überschreitet, die sich aus dem Koitus herstellt.“[note]L’Étourdit, a.a.O., S. 466, meine Übersetzung; vgl. die Übersetzung von Max Kleiner, hier.[/note]

Jenseits der Lust, die durch den Kastrationskomplex vermittelt ist und durch den Koitus realisiert wird, gibt es für sie eine weitere Lust, die Lacan als „weibliche Lust“ (jouissance féminine) oder als „Lust der Frau“ (jouissance de la femme) bezeichnet.[note]Den Terminus jouissance féminine findet man zuerst in: Lacan, Richtungweisende Themenvorschläge für einen Kongress über die weibliche Sexualität, a.a.O., S. 242. Dieser Text wurde 1958 geschrieben.
Die Formulierung jouissance de la femme wird von Lacan zuerst in Seminar 10, Die Angst, gebraucht, in der Sitzung vom 9. Juni 1964, vgl. Version Miller/Gondek S. 239.[/note] Lacan verweist für die spezifisch weibliche Lust auf die Lust der Mysterikerinnen[note]Vgl. Seminar 20, Encore, Sitzung vom 20. Februar 1973; Version Miller/Haas u.a. S. 82 f.[/note] (die Mystik betont in allen Religionen, dass es etwas gibt, das durch Sprechens und Schrift nicht zu erreichen ist). Ich denke daran, dass mir eine Frau einmal sagte, ihr größtes Lusterleben habe sie bei der Geburt ihres Kindes gehabt.

Im Encore-Seminar spricht Lacan von der

„weiblichen Lust, insofern sie nicht ganz (pas toute) vom Mann okkupiert ist, und ich möchte sogar sagen, dass sie es als solche überhaupt nicht ist“[note]Seminar 20, Encore, Sitzung vom 13. März 1973, meine Übersetzung; vgl. Version Miller/Haas u.a. S. 95.[/note].

Die weibliche Lust ist eine Lust, die unabhängig vom Koitus mit einem Mann erreicht wird.

(26) Zwei Lustarten.– Eine Frau kennt demnach zwei verschiedene Arten der Lust, einerseits phallische jouissance vermittels kastrationsvermitteltem Koitus, und andererseits weibliche jouissance jenseits von Koitus und Kastration. Diese These tritt an die Stelle von Freuds Auffassung über die zwei Lustarten bei der Frau, also von Freuds  These über den Wechsel von der Klitoris zur Vagina als der leitenden erogenen Zone.[note]Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, a.a.O., S. 124 f., sowie ders., Über die weibliche Sexualität, a.a.O.[/note]

(27) Der Analyse nicht zugänglich.– Die weibliche Lust ist der Psychoanalyse jedoch nicht zugänglich. Die früheste Formulierung dieses Gedankens stammt aus dem Jahr 1958:

„An genau der Stelle gilt es zu fragen, ob die phallische Vermittlung all das kanalisiert, was sich an Triebhaftem bei der Frau manifestieren kann, und insbesondere den gesamten Strom des mütterlichen Triebes [instinct maternel]. Warum soll man hier nicht behaupten, dass die Tatsache, dass alles, was analysierbar ist, sexuell ist, nicht beinhaltet, dass alles, was sexuell ist, der Analyse zugänglich sei?“[note]Richtungweisende Themenvorschläge, a.a.O., S. 245.[/note]

Im Encore-Seminar stellt Lacan das Verhältnis von Frauen zu den beiden Lustmöglichkeiten unterhalb der Formeln der Sexuierung so dar[note]Seminar 20, Encore, Sitzung vom 13. März 1973, Version Miller/Haas u.a. S. 83.[/note]:

Das durchgestrichene „Die“ entspricht der These „Es gibt nicht Die Frau“ (bzw. dem Quantor „nicht alle“).

Der nach links unten zur Seite des Mannes führende Pfeil, der in Φ endet, symbolisiert die durch den Kastrationskomplex vermittelten Lust, die durch den Koitus realisiert wird.

Der nach links oben führende Pfeil, der auf der Seite der Frau bleibt und in S(Ⱥ) endet, entspricht der weiblichen Lust. Die Zeichenfolge S(Ⱥ), „Signifikant des Mangels im Anderen“ besagt, dass im Anderen (A),  hier im Unbewussten als Sprachsystem, etwas fehlt (/), nämlich ein Signifikant (ein S). In diesem Fall ist gemeint, dass durch eine Psychoanalyse über das weibliche Genießen nichts zur Sprache gebracht werden kann.

(28) Eine unmögliche Lust.– Da es alle Frauen nicht gibt, bezieht sich Freuds Darstellung des Urvaters, der an allen Frauen Lust hat, auf eine unmögliche Lust.[note]Lacan: Was der Mythos vom Genießen aller Frauen [durch den Urvater]  bezeichnet, ist dies, dass es das ‚alle Frauen‘ nicht gibt. Es gibt kein Universales der Frau. Das ist das, was durch eine Befragung des Phallus – und nicht des sexuellen Verhältnisses – gesetzt wird, bezogen darauf, worum es bei dem Genießen geht, das er konstituiert, habe ich doch gesagt, dies sei das weibliche Genießen. (Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 17. Februar 1971, meine Übersetzung; vgl. Version Miller S. 69.[/note]

(29) Universum und Nicht-Universum.– Das Nicht-Verhältnis zwischen der Mann-Seite und der Frau-Seite besteht also letztlich darin, dass die Mitglieder der Mann-Seite ein Universum bilden, eine Menge, und die Mitglieder der Frau-Seite kein Universum, keine Menge.

Vier Formen der Aussage

Seit dem Seminar über die Identifizierung (Seminar 9 von 1961/62) bemüht sich Lacan, die Logik für die Zwecke der Psychoanalyse zu adaptieren und zu modifizieren (vgl. diesen Artikel). Dieser Versuch kulminiert darin, dass er ab Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre (1971), der Nicht-Beziehung zwischen den Geschlechtern, wie ich sie oben in den Thesen skizziert habe, eine logische Fassung gibt.

Damit will er zeigen, dass das sexuelle Verhältnis „nicht geschrieben werden kann“[note]Seminar 20, Encore, Sitzung vom 9. Januar 1973, meine Übersetzung; vgl. Version Miller/Haas u.a. S. 39; vgl. auch Sitzung vom 13. Februar 1973; Version Miller/Haas u.a. S. 65.[/note] – dass es nicht nur faktisch nicht geschrieben wird, sondern dass es nicht geschrieben werden kann.

Im Hintergrund steht eine bestimmte Konzeption der Logik als der kohärentesten Form des Symbolischen. Die Logik ist demnach eine Art Schreibspiel; Lacan folgt hier der Entwicklung der symbolischen oder mathematischen Logik im 19. Jahrhundert. Sie orientiert sich am Vorbild der Algebra, nicht mehr an der gesprochenen Sprache, aufgefasst als Repräsentation von Denkvorgängen.

Das logische Schreibspiel führt an bestimmten Punkten zu Paradoxien, Unvollständigkeiten und anderen Irregularitäten; Lacan orientiert sich hier vor allem an Russell und Gödel. Diese Inkonsistenzen bezeugen, in den Augen von Lacan, das Reale. Es gibt hier etwas, das (wie Lacan sagt) „nicht aufhört, nicht geschrieben zu werden“, etwas, das sich nicht konsistent schreiben lässt.

Das, was nicht aufhört, nicht geschrieben zu werden, ist für ihn das „Unmögliche“[note]Vgl. Seminar 20, Encore, Sitzung vom 9. Januar 1973; Version Miller/Haas u.a. S. 65.[/note]; das Unmögliche wiederum ist das „Reale“ (vgl. diesen Blogartikel).

Letztlich geht es bei diesem Realen um die Unmöglichkeit des sexuellen Verhältnisses – das ist zumindest Lacans These. Das sexuelle Verhältnis ist also das, was hartnäckig nicht geschrieben werden kann, das Unmögliche, das Reale. In Radiophonie (1970) heißt es,

„daß der Signifikant nicht geeignet ist, irgendeiner Formel des sexuellen Verhältnisses Körper zu geben. Von daher mein Aussagen: es gibt kein sexuelles Verhältnis, darunter verstanden: formulierbar in der Struktur.“[note]J. Lacan: Radiophonie. Übersetzt von Hans-Joachim Metzger. In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim 1988, S. 5–45, hier: S. 17, Übersetzung geändert.[/note]

Die Formeln der Sexuierung sollen erstens zeigen, dass das sexuelle Verhältnis nicht geschrieben werden kann (dass es unmöglich ist, also real ist), und zweitens, dass diese Unmöglichkeit der Logik zugrundeliegt.

Lacan übernimmt nicht einfach eine bestimmte Logik, sondern er modifiziert die Logik für die Zwecke der Psychoanalyse. Sein Ausgangspunkt ist die von Aristoteles formulierte Konzeption der vier Aussage-Arten. Er verwandelt dieses Schema beträchtlich – der Ausgangspunkt ist ein Abstoßungspunkt –, behält aber bei, dass es um vier Aussageformen geht. Zwei dieser Aussagetypen ordnet er der männlichen Seite zu und zwei der weiblichen Seite.

Die klassische Konzeption der vier Aussage-Arten

Aristoteles unterscheidet universale Aussagen (Aussagen über alles) und partikuläre Aussagen (Aussagen über einiges) und, quer dazu, bejahende und verneinende Aussagen. Die Kombination dieser Merkmale ergibt vier Aussagearten:
– Universal bejahende Aussage, z.B. „Alle Menschen sind geschwätzig“.
– Universal verneinende Aussage, z.B. „Alle Menschen sind nicht geschwätzig“ oder „Kein Mensch ist geschwätzig“.
– Partikulär bejahende Aussage, z.B. „Einige Menschen sind geschwätzig“.
– Partikulär verneinende Aussage, z.B. „Einige Menschen sind nicht geschwätzig“.

Ein Ausdruck in der Position von Mensch (bzw. Menschen) wird traditionell als (logisches) „Subjekt“ bezeichnen, ein Ausdruck in der Position von geschwätzig als „Prädikat“, der Ausdruck ist (oder sind) heißt „Kopula“, die Ausdrücke „alle“ und „einige“ tragen in der Terminologie der modernen Logik die Bezeichnung „Quantoren“. Eine Aussage besteht also insgesamt aus einem Quantor („alle“ oder „einige“), einem Subjekt (z.B. „Menschen“), einer Kopula („ist“ oder „sind“) und einem Prädikat (z.B. „geschwätzig“). Hinzu kommt die  Negation, wie in „Alle Menschen sind nicht geschwätzig“.

Wenn man für „Subjekt“ den Buchstaben S einsetzt und für „Prädikat“ den Buchstaben P, erhält man die übliche Notation der vier Aussage-Arten:
– Universal bejahende Aussage: Alle S sind P.
– Universal verneinende Aussage: Alle S sind nicht P (oder: Kein S ist P).
– Partikulär bejahende Aussage: Einige S sind P.
– Partikulär verneinende Aussage: Einige S sind nicht P.

Statt der klassischen Formulierung „einige“ verwendet Lacan die moderne Fassung „es existiert“, im Sinne von „es existiert mindestens ein“, „Existenzquantor“ genannt. Das ergibt dann:
– Universal bejahende Aussage: Alle S sind P.
– Universal verneinende Aussage: Alle S sind nicht P (oder: Kein S ist P).
– Partikulär bejahende Aussage: Es existiert ein S, das P ist.
– Partikulär verneinende Aussage: Es existiert ein S, das nicht P ist.

Die Aussagen sind entweder wahr oder falsch, in der Terminologie der heutigen Logik: Sie haben zwei „Wahrheitswerte“, nämlich „wahr“ und „falsch“. Beispielsweise hat die Aussage „Kein Mensch ist geschwätzig“ den Wahrheitswert „falsch“.

Einige, nicht, nicht alle

Zwei Formen von „einige“

Lacan knüpft an das überlieferte Schema der vier Aussageformen an, deutet das Verhältnis zwischen der universalen und der partikulären Aussage jedoch anders, als es üblich ist. Dies beruht, Guy Le Gaufey zufolge, auf einer bestimmten Deutung des Quantors „einige“. Ich referiere im Folgenden die These von Le Gaufey; mir ist nicht klar, ob sie, was Lacan angeht, haltbar ist.[note]Vgl. Guy Le Gaufey: Le Pastout de Lacan. EPEL, Paris 2006.[/note]

Seit Aristoteles gilt: Wenn eine Aussage für „einige“ gilt, ist unbestimmt, ob sie auch für alle gilt, und es ist kein Widerspruch, wenn sie für alle gilt. Wenn wahr ist, dass einige Menschen geschwätzig sind, dann kann zugleich wahr sein, dass einige Menschen nicht geschwätzig sind, es ist aber auch möglich, dass alle Menschen geschwätzig sind. Einige meint hier mindestens einige. Die partikuläre bejahende Aussage und die universale bejahende Aussage können zugleich wahr sein.

In der Umgangssprache ist das anders. Wenn ich sage: Einige Menschen sind geschwätzig, behaupte ich damit implizit Nicht alle Menschen sind geschwätzig. Wenn mich jemand darauf hinweisen würde, dass nicht einige, sondern alle Menschen geschwätzig sind, würde ich das als Einwand auffassen. Einige meint in der Umgangssprache nur einige. In der Umgangssprache können die partikuläre bejahende Aussage und die universale bejahende Aussage nicht zugleich wahr sein.

Man muss also zwei Verwendungen von „einige“ unterscheiden, eine weite Verwendung („mindestens einige“) und eine enge Verwendung („nur einige“). In der Logik wird mit der weiten Version gearbeitet; „einige“ meint seit Aristoteles „mindestens einige“.

Lacan verwendet (Le Gaufey zufolge) den Quantor „einige“ anders, nämlich in der Bedeutung von „nur einige“. Als Existenzquantor formuliert: „Es existieren“ meint bei ihm „Es existieren nur einige“.

Lacan stützt sich hierfür auf einen Artikel von Jacques Brunschwig über die partikuläre Aussage bei Aristoteles. Brunschwig versucht darin zu zeigen, dass Aristoteles in seinen logischen Schriften mit der Mehrdeutigkeit von „einige“ gekämpft hat und dass er die enge Verwendung von „einige“ beerdigt hat, um bestimmte Fehlschlüsse zu vermeiden.[note]Vgl. Jacques Brunschwig: La proposition particulière et les preuves de non-concluance chez Aristote. In : Cahiers pour l’analyse, Heft 10, 1969 (Seuil, Paris), S. 3–26, im Internet hier.
Lacan verweist auf diesen Artikel in der Vorlesungsreihe Le savoir du psychanalyste (Das Wissen des Psychoanalytikers) in der Sitzung vom 3. März 1972; vgl. Millers Version von Seminar 19, … ou pire, S. 105 (Miller hat vier der sieben Vorlesungen von Le savoir du psychanalyste in seine Ausgabe von Seminar 19 integriert).[/note] Lacan gräbt, Le Gaufey zufolge, für die Zwecke seiner Logik die von Aristoteles beerdigte enge Version von „einige“ wieder aus.

Wenn man die enge Version von „einige“ verwendet, verändern sich die Beziehungen zwischen den vier Aussagearten. Bei der engen Variante von „einige“ können die partikuläre bejahende Aussage und die universale bejahende Aussage nicht zugleich wahr sein. Und das heißt, dass die bejahende partikuläre Aussage die verneinende partikuläre Aussage impliziert. Wenn es stimmt, dass einige Menschen geschwätzig sind, dann gilt bei der engen Verwendung von „einige“ automatisch, dass einige Menschen nicht geschwätzig sind. Das entspricht der Umgangssprache.

Eine zweite Konsequenz ist überr„“schender. Wenn die universale bejahende Aussage wahr ist, dann gilt bei der restriktiven Verwendung von „einige“, dass in diesem Falle die partikuläre bejahende Aussage falsch sein muss. Wenn gilt: „Alle Menschen sind geschwätzig“, kann nicht zugleich gelten: „Einige Menschen sind geschwätzig.“ „Alle“ meint jetzt: „alle und nicht etwa nur einige“ und „einige“ meint „nur einige“. Das ist deshalb überraschend, weil es in der Umgangssprache anders ist – wenn ich im Gespräch sage, dass alle Menschen geschwätzig sind, impliziere ich damit, dass einige geschwätzig sind. (Die Umgangssprache operiert also mit der engen Version von „einige“ und mit einem „alle“, das eine weite Version von „einige“ impliziert.)

Die Allaussage impliziert jetzt also keine Existenzbehauptung mehr. Und das heißt: Aussagen über das Wesen (über „alle“) und Aussagen über die Existenz sind radikal entkoppelt.
/_/ Seit wann man hat man in der Logik postuliert, dass Allaussagen keine Existenzaussagen implizieren?

Soweit die These von Le Gaufey.
/_/ Ist die These haltbar, dass Lacan in den Formeln mit der engen Version von „einige“ arbeitet?

Die Negation der Quantoren

Lacan verwendet das Negationssymbol nicht nur für die rechte Seite des Ausdrucks, für das Prädikat, sondern auch für die linke Seite, für den Quantor. Das ist unüblich. Man findet dieses Verfahren jedoch bereits vor Lacan bei Robert Blanché[note]Vgl. Robert Blanché: Les structures intellecturelles. Vrin, Paris 1966 (hierauf verweist Le Gaufey, Le Pastout de Lacan, a.a.O.,S. 69 f.).[/note]; es ist nicht klar, ob Lacan Blanché gelesen hat. Es gibt für Lacan also, neben der Negation des Prädikats, eine Negation des Allquantors (nicht alle oder für nicht alle gilt) und eine Negation des Existenzquantors (es existiert nicht).

Lacan bezieht diese beiden Quantor-Negationen auf zwei Elemente der Negation, die für die französische Sprache charakteristisch sind. Die Negation wird hier im typischen Fall durch den Ausdruck ne … pas gebildet (Je ne viens pas, Ich komme nicht), also durch eine Klammer, die aus zwei unterschiedlichen Negationen besteht, ne und pas. An der zweiten Stelle können auch andere Ausdrücke als pas stehen, z.B. point oder guère (ne … point: „keineswegs, ne … guère: „kaum). Die erste Negation, das ne, wird als forklusive Negation“ (négation forclusive) bezeichnet, als verwerfende Negation. Die zweite Negation, das pas oder point usw., heißt diskordantielle Negation“ (négation discordantielle), Negation, die ein Nicht-Einverständnis bezeugt. Diese Terminologie stammt von Damourette und Pichon[note]Vgl. Jacques Damourette, Édouard Pichon: Des mots à la pensée. Essai de grammaire de la langue française. D’Artrey, Paris 19111940, Band 1, S. 138, § 114.[/note]; Lacan bezieht sich öfter darauf.[note]Z.B. in Seminar 6, Das Begehren und seine Deutung, Sitzung vom 17. Dezember 1958; vgl. Version Miller S. 121. [/note]

Lacan ordnet die Negation des All-Quantors anfänglich der forklusiven Negation zu, die Negation des Existenz-Quantors der diskordantiellen Negation.[note]Vgl. Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 19. Mai 1971, siehe hier; Version Miller S. 141.[/note] Das ändert er später; bei der Negation des All-Quantors – bei nicht alle – handelt es sich demnach um die Diskordanz.[note]Vgl. Seminar 19, … oder schlimmer, Sitzung vom 18. Dezember 1971; vgl. Version Miller S. 22.[/note]

Nicht alle

Durch die Negation des Quantors „alle“ ergibt sich der Quantor „nicht alle“. Dieses „nicht alle“ ist der Dreh- und Angelpunkt der Formeln der Sexuierung. Wenn ich sage „Nicht alle Menschen sind geschwätzig“ bedeutet das in der Umgangssprache wie in der Logik „Einige Menschen sind geschwätzig“. Lacan verwendet diese Negation anders. Er versteht unter „nicht alle“ keineswegs „einige“, sondern eine Vielheit, die kein Universum bildet. Sie bildet kein Universum, da ihr die Ausnahme fehlt.

Lacans System der vier Aussagen

Lacan deutet das Schema der vier Aussagen um, im Lichte der Neubestimmung des Verhältnisses von universaler und partikulärer Aussage und der Verwendung der Negation zur Negation der Quantoren. Die universale bejahende Aussage und die partikuläre verneinende Aussage behält er bei (zumindest auf den ersten Blick), die beiden anderen Aussage-Arten werden von ihm radikal transformiert.

Die partikuläre bejahende Aussage lautet traditionell so:
– Einige S sind P
Bei Lacan findet man:
– Nicht alle S sind P
Die Umdeutung besteht darin, dass bei Lacan „nicht alle“ keineswegs „einige“ bedeutet, sondern sich auf eine Vielheit bezieht, die kein Universum ist.

Die universale verneinende Aussage hat üblicherweise die Form:
– Alle S sind nicht P
An ihre Stelle tritt bei Lacan:
– Es existiert kein S, das nicht P ist
Das ist eine besonders starke Abweichung, denn in der herkömmlichen Logik ist das eine universale bejahende Aussage. Lacan deutet den Ausdruck anders, nämlich als „Es fehlt eine Ausnahme“.

Le Gaufey versucht, den Übergang von den klassischen vier Aussageformen zu Lacans vier Aussagen detailliert nachzuzeichnen; ich kann seiner Argumentation nicht folgen.[note]Vgl. Le Gaufey, Le Pastout de Lacan, a.a.O., S. 86–92.[/note]

Lacan arbeitet also mit den folgenden vier Aussageformen:
– Alle S sind P
– Es existiert ein S, das nicht P ist
– Nicht alle S sind P
– Es existiert kein S, das nicht P ist

(Natürlich fragt man sich, was aus den scheinbar nur übernommenen beiden Aussageformen wird, wenn sie in einen neuen Zusammenhang eingefügt werden.)

Zuordnung zu den beiden Seiten

Diese vier Aussageformen ordnet Lacan den beiden Geschlechts-Positionen zu.

Mann-Seite:
– Es existiert ein Element, dessen Lust nicht durch den Kastrationskomplex geprägt ist. (Das ist der mythische Urvater, der an allen Frauen Lust hat.)
– Bei allen Elementen ist die Lust durch den Kastrationskomplex geprägt.

Lacan macht zum Ausnahme-Element ein Wortspiel mit au moins un („zumindest ein“) und homme („Mensch“/“Mann“): der Ausnahmemensch ist der hommoinzun.[note]Zuerst in Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 19. Mai 1971, hier.[/note] (Er deutet hier die Existenzbehauptung also nicht restriktiv – ein kleiner Einwand gegen die These von Le Gaufey.)

Frau-Seite:
– Es existiert nicht ein Element, dessen Lust nicht durch den Kastrationskomplex geprägt ist. (Es gibt kein Ausnahmewesen, das der Kastration entgeht.)
– Bei nicht allen Elementen ist die Lust durch den Kastrationskomplex geprägt. (Diese Vielheit bildet, bezogen auf den Kastrationskomplex, kein Universum.)

Die phallische Funktion

Statt von der Strukturierung der Lust durch den Kastrationskomplex – und damit durch die Sprache – spricht Lacan in Bezug auf die Formeln der Sexuierung von der fonction phallique, also von der „phallischen Funktion“ oder „Phallus-Funktion“; er notiert diese Funktion hier mit Φ, groß Phi, für „Phallus“.[note]Eingeführt wird der Terminus „phallische Funktion“ und die Zeichenfolge Φx in Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, in der Sitzung vom 19. Mai 1971 (Übersetzung auf dieser Website hier; vgl. Version Miller S. 142 und 144).[/note] (Zum Begriff „phallische Funktion“ vgl. diesen Artikel von Geneviève Morel auf dieser Website.)

Für Φ kann man einsetzen „Prägung der Lust durch den Kastrationskomplex“.

Mit „Funktion“ ist hier der Funktionsbegriff von Frege gemeint. Eine Funktion im Sinne von Frege ist ein Ausdruck mit einer Leerstelle. Beispielsweise ist „Alle Menschen sind _“ eine Funktion, ebenso „Alle _ sind geschwätzig“. Eine Funktion ist weder wahr noch falsch, anders gesagt, sie hat keinen Wahrheitswert. Die phallische Funktion könnte also genauer so geschrieben werden:
Φ_ (mit einem Unterstrich für die Leerstelle).[note]Der Bezug von Φx und des Ausdrucks „phallische Funktion“ zu Freges Funktionsbegriff wird von Lacan erstmals hergestellt in Seminar 19, … oder schlimmer, in der Sitzung vom 8. Dezember 1971 (vgl. Version Miller, S. 14).[/note]

Durch das Ausfüllen der Leerstelle wird der Ausdruck zu einer Aussage, die wahr oder falsch ist. Das Element, das in die Leerstelle eingefügt wird, heißt „Argument“ oder „Variable“. Wenn ich beispielsweise in die Funktion „Alle Menschen sind _“ den Ausdruck „rothaarig“ einsetze, ist „rothaarig“ das Argument und ich erhalte eine Aussage mit dem Wahrheitswert „falsch“.

In den Formeln der Sexuierung verwendet Lacan den Ausdruck Φx, „Phi von x“. Hier ist Φ_ die Funktion und x ist das Argument (bzw. die Variable), mit dem die Leerstelle ausgefüllt worden ist.

Für x kann man einsetzen „der Körper eines geschlechtlich nicht spezifiziertes Individuums als Sitz von Lüsten“.

Die Zeichenfolge Φx, auch Φ(x) geschrieben, steht für die Strukturierung der sexuellen Lust eines Individuums durch den Kastrationskomplex und, damit einhergehend, die Erzeugung eines Lust-Mangels.

Man kann den Ausdruck Φx also von rechts nach links so lesen: Die Lust eines geschlechtlich nicht spezifizierten Individuums (x) wird durch den Kastrationskomplex strukturiert (Φ), und dies ist wahr.

Wenn Lacan von der phallischen Funktion spricht, geht es ihm vor allem darum, dass durch das Ausfüllen der Leerstelle mit x ein Wahrheitswert entsteht, sei er „wahr“ oder „falsch“. Lacan notiert den Wahrheitswert „falsch“ durch einen Negationsstrich: $latex \overline {\Phi {x}} &s=1$. Das Einsetzen von x führt in diesem Fall dazu, dass die Aussage falsch ist. Das kann man auch so notieren: Es ist wahr, dass die Lust von  x nicht durch den Kastrationskomplex strukturiert wird.

/_/ Warum rekonstruiert Lacan den Kastrationskomplex mithilfe des Begriffs der Funktion? Hat die Erzeugung eines Wahrheitswerts durch das Einsetzen eines Arguments in eine Funktion eine Entsprechung in der psychoanalytischen Praxis? Ist gemeint, die „Wahrheit“ eines Individuums besteht in der Prägung der Lust durch den Kastrationskomplex? Was könnte das heißen?

Die Formeln der Sexuierung

Lacan notiert die vier Aussagen in der Schreibweise der sogenannten Quantorenlogik (auch „Prädikatenlogik“ geheißen). Dabei handelt sich, wie er betont, um eine Imitation[note]Vgl. Seminar 19, … oder schlechter, Sitzung vom 15. Dezember 1971, Version Miller S. 34.[/note] – mit Lacans Formeln kann man keine logischen Ableitungen vollziehen. Die vier Aussagen sehen dann so aus:

$latex \exists {x.} \overline {\Phi {x}} &s=1$       $latex \overline {\exists {x.}} \overline {\Phi {x}} &s=1$

$latex \forall {x.} \Phi {x} &s=1$       $latex \overline {\forall {x.}} \Phi {x} &s=1$

Die Formeln sind so angeordnet, dass sich zwei Seiten gegenüberstehen, die linke und die rechte Seite, zwei „Hälften“, wie Lacan ironisch sagt[note]Die Rede von zwei „Hälften“ (moitiés) findet man in L’Étourdit, a.a.O., dort häufig auf den Seiten 456 bis 468.[/note], die männliche und die weibliche Hälfte. Mit den beiden Hälften sind nicht die biologischen Geschlechter gemeint, sondern, so könnte man sagen, die männliche und die weibliche Position („Position“ ist nicht Lacans Terminus). Lacan spricht deshalb von moitiés, von „Hälften“, weil es um die Identifizierung mit der männlichen oder der weiblichen Hälfte geht und weil diese Identifizierung gerade nicht dem moi (dem „Ich“) zuzurechnen ist, sondern dem Unbewussten.[note]Vgl. L’Étourdit, a.a.O., S. 457 f.; Christian Fierens: Lecture de l’Étourdit. Lacan 1972. L’Harmattan, Paris 2002, S. 104.[/note]

Die linke Seite ist die Mann-Seite, die rechte Seite die Frau-Seite.

Das Symbol $latex \exists &s=1$, eine Notation für den sogenannten Existenzquantor, bedeutet „Es gibt mindestens ein“, „Es existiert ein“.
$latex \overline {\exists} &s=1$ ist die Negation des Existenzquantors, zu lesen als: „Es gibt nicht ein“, „Es existiert nicht ein“.
$latex \forall &s=1$, der  Allquantor, ist als „alle“ zu lesen oder auch als „für alle“.
$latex \overline {\forall} &s=1$ heißt „nicht alle“ oder „für nicht alle“.
Der Buchstabe x fungiert als Variable; für x kann man einsetzen „der Körper eines geschlechtlich nicht spezifiziertes Individuums als Sitz von Lüsten“.
Das Symbol Φ steht für „phallische Funktion“, d.h. für die Strukturierung der Lust eines Individuums durch den Kastrationskomplex.
Φx ist die phallische Funktion mit dem Argument x, der Ausdruck Φx repräsentiert also die Unterwerfung der Lust eines Individuums unter die phallische Funktion.
Der waagerechte Strich über den Ausdrücken – der Überstrich ‾ – steht für eine Negation, also für „nicht“.
Der Punkt . trennt die beiden Bestandteile der Aussage voneinander, den Quantor und das Prädikat; er dienst der Verdeutlichung und kann wegfallen.

.

$latex \forall {x.} \Phi {x} &s=1$

Auf der linken, also „männlichen“ Seite findet man in der unteren Zeile diesen Ausdruck, den man so lesen kann:
„Für alle x gilt, dass Phi von x. Für alle x gilt, dass die phallische Funktion wahr ist.“
Für alle Mitglieder dieser Menge gilt, dass die Lust durch den Kastrationskomplex strukturiert ist. Damit ist nicht gemeint, dass für Männer gilt, dass ihre Lust durch den Kastrationskomplex strukturiert ist, sondern dass geschlechtlich unspezifizierte Wesen (x) dann der Mann-Seite zuzurechnen sind, wenn ihre Lust ganz vom Kastrationskomplex erfasst ist.

.

$latex \exists {x.} \overline {\Phi {x}} &s=1$

Auf der „männlichen“ Seite findet man oben diesen Ausdruck:
„Es existiert ein x, für das gilt, dass nicht Phi von x. Es existiert ein x, durch das die phallische Funktion  verneint wird.“
Es gibt ein Wesen, dessen sexuelle Lust nicht durch den Kastrationskomplex geprägt ist.
Dieser Ausdruck hat, Lacan zufolge, keinen Wahrheitswert, er ist also weder wahr noch falsch.[note]Vgl. L’Étourdit, a.a.O., S. 459.[/note] Das könnte (auch) heißen: Diese Figur gehört zur Ordnung des Mythos, und ein Mythos ist weder wahr noch falsch.

Die Beziehung zwischen dem linken oberen und dem linken unteren Ausdruck ist, wenn man der üblichen Logik folgt, ein logischer Widerspruch: Wenn alle x ein bestimmtes Merkmal haben, kann nicht zugleich wahr sein, dass es ein x gibt, das nicht über dieses Merkmal verfügt (wenn beispielsweise wahr ist, dass alle Menschen geschwätzig sind, kann nicht zugleich wahr sein, dass es einen Menschen gibt, der nicht geschwätzig ist).

Lacan deutet diesen Widerspruch als Bedingungszusammenhang (und steht damit in der Tradition der Versuche, eine dialektische Logik zu entwickeln). Das „alle“ in der Beziehung zur phallischen Funktion (Formel links unten) beruht genau darauf, dass diejenigen, die diese Position einnehmen, sich bewusst oder unbewusst auf ein Ausnahmewesen beziehen, dessen Sexualgenuss sich gerade nicht auf die phallische Funktion bezieht, dessen Lust nicht der Einschränkung durch den Kastrationskomplex unterliegt (Formel links oben). Die linke Seite erinnert an die Grundbegriffe der Systemtheorie: ein System (ein „alle“, charakterisiert durch das Verhältnis zu Φx) definiert sich durch die Beziehung zur Umwelt, zu dem, was aus ihm ausgegrenzt ist (was nicht in Beziehung zu Φx steht); an der Stelle der Umwelt steht bei Lacan die Ausnahme.

.

$latex \overline {\forall {x.}} \Phi {x} &s=1$

Auf der rechten Seite, der Frau-Seite, liest man in der unteren Zeile:
„Für nicht alle x gilt, dass Phi von x.“ „Für nicht alle x gilt, dass die phallische Funktion wahr ist.“
Für nicht alle Elemente dieser Menge gilt, dass ihre Lust vom Kastrationskomplex strukturiert wird. Auch hier ist nicht gemeint, dass Frauen dadurch charakterisiert sind, dass sie nicht alle oder nicht ganz der phallischen Funktion unterliegen, sondern dass geschlechtlich unspezifizierte Wesen dann als „Frauen“ zu bezeichnen sind, wenn ihre Lust nicht ganz durch die phallische Funktion bestimmt sind.

Wenn man sich an die übliche Logik hält, ist der Ausdruck unten rechts äquivalent mit dem Ausdruck oben links (wenn nicht alle der phallischen Funktion unterliegen, heißt das nichts anderes, als dass es mindestens einen geben muss, der ihr nicht unterliegt); nicht jedoch in Lacans Umformung.

.

$latex \overline {\exists {x.}} \overline {\Phi {x}} &s=1$

Diese Formel (oben rechts) besagt:
„Es existiert kein x, für das gilt, dass nicht Phi von x. Es existiert kein x, für das gilt, dass es nicht durch die phallische Funktion bestimmt ist.“
Auf der „weiblichen“ Seite gibt es kein unkastriertes Ausnahmewesen.

Da es keine Ausnahmeexistenz gibt, bilden die Elemente der „weiblichen Seite“ kein „Alle“, kein Ganzes; „nicht alle“ meint nicht „einige als Teil eines Ganzen“.

In der üblichen Logik ist der Ausdruck oben rechts äquivalent mit dem Ausdruck unten links (wenn es kein x gibt, das nicht kastriert ist, sind alle x kastriert – doppelte Negation). Auch diese Äquivalenzbeziehung gilt nicht für Lacans Logik.

/_/ Warum artikuliert Lacan die „weibliche Seite“ mit Aussagen, die in der traditionellen Logik den Aussagen auf der „männlichen Seite“ äquivalent sind?

Auch auf der rechten Seite stellt sich im Rahmen der normalen Logik die Beziehung zwischen den beiden Formeln als Widerspruch dar. Der untere Ausdruck würde demnach behaupten, dass es Ausnahmen gibt, der rechte obere Ausdruck würde besagen, das es keine Ausnahmen gibt. Allerdings stützt Lacan sich mit seinen Quantoren $latex \overline {\exists} &s=1$ (es existiert nicht) und $latex \overline {\forall} &s=1$ (für nicht-alle) nicht auf diese Logik, sodass man hier vermutlich nicht von einem Widerspruch im üblichen Sinne sprechen kann.
/_/ Um was für eine Beziehung handelt es sich, wenn nicht um einen Widerspruch?

/_/ Was ist „klinisch“ (also unter dem Aspekt der Erfahrungen in der psychoanalytischen Kur) damit gemeint, dass der Phallus eine „Funktion“ ist (ein Ausdruck mit einer Leerstelle), und dass durch das Einsetzen des Arguments bzw. der Variable (hier x) die Funktion „wahr“ oder „falsch“ wird?

/_/ Welches genau ist der logische Status des „nicht alle“? Und welche Beziehung gibt es von daher zwischen den beiden rechten Formeln?

*

Die Behauptung „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ ist damit so übersetzt:
Man kann zwei Mengen unterscheiden. Gemeinsam ist ihnen, dass der Kastrationskomplex an die Stelle der Beziehung zwischen „männlich“ und „weiblich“ tritt. Die beiden Mengen unterscheiden in ihrem Verhältnis zum Kastrationskomplex. Für die Elemente der einen Menge gilt, dass ihre durch den Kastrationskomplex strukturierten Lüste ein Universum bilden, ein alle; für die Elemente der anderen Menge, gilt, dass ihre Lüste durch den Kastrationskomplex strukturierten Lüste kein Universum, kein alle. Die erste Menge kann man als die der „Männer“ bezeichnen, die zweite Menge als die der „Frauen“. Zwischen den Lüsten der Menge, die ein Universum bildet, und den Lüsten der Menge, die kein Universum bildet, gibt es durchaus ein Verhältnis, nämlich ein Verhältnis zwischen zwei Verhältnissen zum Kastrationskomplex, zwischen „alle“ (in Beziehung zum Kastratationskomplex) und „nicht alle“ (in Beziehung zum Kastrationskomplex), es gibt jedoch kein sexuelles Verhältnis, kein Verhältnis zwischen „männlich“ und „weiblich“.
/_/ Ist die Seite der „Frauen“ eine Menge oder eine Nicht-Menge?

Lacan ordnet, wie gesagt, die Negation des All-Quantors der diskordantiellen Negation zu, die Negation des Existenzquantors der forklusiven Negation. Damit soll offenbar gesagt werden, dass die Beziehung zwischen der Aussage, die mit „alle“ beginnt (männliche Seite unten), und der Aussage, die mit „nicht alle“ beginnt (weibliche Seite unten) eine Beziehung der „Diskordanz“ ist[note]Vgl. Le Gaufey, Le Pastout de Lacan, a.a.O., S. 75 f.[/note], dass die Beziehung zwischen der Mann-Seite („alle“) und der Frau-Seite („nicht-alle“) also nicht als „Gegensatz“ aufzufassen ist, sondern als „Diskordanz“, als Zwietracht.

Die Negation des Existenzquantors ist eine Negation vom Typ der Verwerfung. Auf der Frau-Seite ist die Ausnahmeexistenz des Urvaters „verworfen“, und die Struktur dieser Seite rückt damit in eine Nähe zur Struktur der Psychose, die ja auf der Verwerfung des Namens-des-Vaters beruht. Lacan weist ausdrücklich darauf hin, und er merkt an, dass Schrebers Wahn darin bestand, eine Frau zu sein.[note]Vgl. L’Étourdit, a.a.O., S. 466.[/note]
/_/ Was sagt Lacan zu dieser Strukturähnlichkeit, also zum Verhältnis von Frau und Psychose?

Die Abwesenheit des sexuellen Verhältnisses wird ersetzt durch den Kastrationskomplex, durch die phallische Funktion, und damit durch zwei Formen der Negation in Bezug auf diese Funktion: durch eine Beziehung der Verwerfung im Verhältnis zur phallischen Funktion (Ausnahmeelement / kein Ausnahmeelement) und durch eine Beziehung der Diskordanz im Verhältnis zur phallischen Funktion (Universum versus Nicht-Universum).

Die Unmöglichkeit des sexuellen Verhältnisses ist also eine doppelte Beziehung von Diskordanz und Verwerfung.

/_/ Inwiefern ist die Doppelbeziehung von Diskordanz und Verwerfung eine Unmöglichkeit? Inwiefern also zeigen die Formeln der Sexuierung, dass das sexuelle Verhältnis nicht geschrieben werden kann?

/_/ Worauf stützt sich Lacan, wenn er behauptet, dass seine Formeln der Sexuierung der Logik zugrunde liegen? Offenbar geht es ihm hierbei um das Zusammenspiel von Begriff („alle“), Existenz und Negation. Wie genau lauten seine Thesen über die Logik?

Zur Sekundärliteratur

Christian Fierens

Fierens bezeichnet im Folgenden das „alle“ als das „beschränkte alle“ und behauptet:

“ (…) das nichtalle ist zugleich das beschränkte alle und das Jenseits der Beschränkungen“[note]Fierens, Lecture de l’Étourdit, a.a.O., S. 143.[/note]

Umfasst das „nicht alle“ das „alle“? Gehört zum Nicht-Universum auch noch das Universum? Eine wichtige Frage, wenn man das Verhältnis zwischen den beiden Seiten der Sexuierungsformeln begreifen will. Ich nehme an, dass Fierens sich irrt – dann wäre die linke Seite eine Teilmenge der rechten Seite, und das kommt mir zu einfach vor. Ich bin mir aber nicht sicher.

 

Guy Le Gaufey

Le Gaufey schreibt über den Ausdruck „einige“:

„Im Allgemeinen ist der Sinn dieses Ausdrucks restriktiv: Wenn der Kandidat ‚einige‘ Stimmen erhalten hat, ist klar, dass er nicht gewählt worden ist, er hat nicht ‚alle‘ bekommen (nicht einmal eine einfache Mehrheit). Wenn ich hingegen als Logiker die partikuläre bejahende Aussage ‚Einige A sind B‘ bilde, drängt mich Aristoteles dazu zu denken, dass ich hier nur eine partikuläre Instantiierung der universalen bejahenden Aussage ‚Alle A sind B‘ vornehme.“[note]Le Gaufey, Le Pastout de Lacan, a.a.O., S. 12.[/note]

Nein, als Logiker werde ich von Aristoteles zu etwas anderem gedrängt. Wenn ich in der Logik sage „Einige A sind B“, ist für mich offen, ob „Alle A sind B“ wahr ist oder falsch ist; ich werde zu dieser Offenheit gedrängt.

Literatur zu den Formeln der Sexuierung

Badiou, Alain; Cassin, Barbara: Es gibt keinen Geschlechtsverkehr. Zwei Lacanlektüren. Übersetzt von Judith Kasper. Diaphanes, Zürich 2012

Fierens, Christian: La fonction phallique et les formules de la sexuation. Kapitel I.4 von ders.: Lecture de l’Ètourdit. Lacan 1972. L’Harmattan, Paris 2002, S. 111–158

Le Gaufey, Guy: Le pastout de Lacan. Consistance logique, conséquences cliniques. EPEL, Paris 2006

Le Gaufey, Guy: L’universel mis à nu. In: La Clinique lacanienne, Heft 10 (2006/1), S. 183–198, im Internet hier

Milner, Jean-Claude: Le Penchants criminel de l’Europe démocratique. Verdier, Lagrasse 2003, S. 17–20

Porge, Erik: L’écriture du non-rapport. In: Ders.: Jacques Lacan, un psychanalyste. Parcours d’un en­seigne­ment. Érès, Toulouse 2014, S. 333–339

Soller, Colette: Appendix. In: Dies.: What Lacan said about women. A psychoanalytic study. Übersetzt von John Holland. Other Press, New York 2006 (frz. Original 2003), S. 294–310

Valas, Patrick: Sexuation et discours avec Lacan et le travail de Jean Brini. Geschrieben 2014, veröffentlicht 2015 hier

Vappereau, Jean-Michel: Lecture des formules de la sexuation. Im Internet hier, Links zu 6 Anhängen zu diesem Artikel findet man hier

Vappereau, Jean-Michel: Lecture des formules kantiques de la sexuation.  Version Mai/Juni 2009, im Internet hier

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Anmerkungen

Andrea Mura: Islamische Wiedergeburt und die Politik der Globalisierung aus Lacan’scher Perspektive

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Pieter Lastman: Die Verstoßung der Hagar
1612,
Öl auf Eichenholz, 48 x 71 cm, Hamburger Kunsthalle

Der politische Kontext einer islamischen Wiedergeburt

Dass islamistische Organisationen wie al-Qaida und der Islamische Staat (IS) zur Jahrtausendwende derart prominent auf die Bühne der Weltpolitik getreten sind, hat – so der Eindruck vieler Beobachter – zu einer irritierenden Problematik geführt, sowohl hinsichtlich des an sich triumphalen Narrativs vom Ende der Geschichte, das sich im Anschluss an den Kalten Krieg entwickelt hatte, als auch hinsichtlich einer Fantasie des Westens von Kontrolle, Herrschaft und der Möglichkeit, die Wirklichkeit grundlegend zu repräsentieren.

Allerdings wurden schon vor der Jahrtausendwende Diskurse, die den Islam als Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Lebens betrachteten, zu wesentlichen Bestandteilen der politischen Szene der postkolonialen Welt und gewannen über die staatlichen Grenzen hinaus Einfluss auf die Weltpolitik. Diese internationalen Auseinandersetzungen wurden jedoch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer noch durch die beiden verfeindeten Blöcke des Kalten Krieges geprägt, insbesondere durch die anti-hegemonialen Ansprüche des Kommunismus.

Der Einbruch des Islamismus als globales Schreckgespenst ereignete sich exakt in dem Moment, in dem dieses Blocksystem zusammenbrach und der neoliberale Diskurs sich als siegreiches Narrativ vom Ende der Geschichte in Szene setzen konnte. Das Erscheinen dieses neuen Akteurs in Gestalt des Islamismus zerstörte mit einem Schlag und unwiderruflich die post-ideologische Illusion einer kosmopolitischen Zukunft des Friedens und der Prosperität, in der sich soziale und internationale Spannungen durch konsensorientierte Verfahren schlichten lassen. Islamistische Diskurse traten tatsächlich als Modalitäten einer politischen Repräsentation auf, die sich in den dramatischen Ereignissen zu Beginn des neuen Jahrtausends manifestierten: von den Terrorattacken islamistischer Gruppen in New York, London, Madrid, Paris sowie in Städten in Asien und dem Mittleren Osten bis hin zur permanenten Instabilität und Gewalt in der israelisch-palästinensischen Region.

Das Bedürfnis, sich mit diesem neuen islamistischen Gespenst auseinanderzusetzen, stimulierte Versuche, das akademische Wissen über den Islam zu vertiefen. Solche Versuche haben jedoch bisher oft nur alte Klischees und Grundsatzfragen reproduziert. Hier bietet die heutige Psychoanalyse Erklärungsansätze, die für den Diskurs über den Islam und für das Verständnis seiner politischen und sozialen Manifestationen eminent wichtig sind. Glücklicherweise sind aktuelle psychoanalytische Arbeiten über den Islam vor kurzem auf Deutsch erschienen, dabei handelt es sich insbesondere um den zuerst 2002 auf Französisch erschienenen grundlegenden Essay Psychoanalyse des Islam des aus Tunesien stammenden Psychoanalytikers Fetih Benslama, der seine psychoanalytischen Erfahrungen in einem Beratungszentrum in den Pariser Banlieus gewinnen konnte (Benslama 2017a). In einer kleineren Schrift über die Identitätsbildung islamischer Jugendlicher vertritt Benslama dezidiert die psychoanalytisch-sozialwissenschaftliche Position, die Psychoanalyse sei dafür geeignet, „mittels der Erkenntnisse aus (…) klinischen Untersuchungen Anhaltspunkte zu gewinnen, um die kollektiven Kräfte der Gegenzivilisation im Herzen des zivilisierten Menschen und seiner Moral zu erforschen.“ Das Ziel dieser Erforschung, so Benslama, könne darin liegen, „Möglichkeiten der Gewaltfreiheit denkbar werden zu lassen“ (Benslama 2017b, S. 13).

Im Folgenden werden verschiedene Strömungen des heutigen Islam aus psychoanalytischer Sicht dargestellt, und in einer kritischen Auseinandersetzung mit Benslama werden die kreativen und produktiven Aspekte aktueller islamischer Strömungen diskutiert.

Von friedlichen Reformen zum bewaffneten Widerstand – und die Bedeutung des Islam als Herrensignifikant

Als Islamismus lässt sich das religiöse und politische Projekt eines sich bekennenden al-Islamiyyun bezeichnen; dieser Begriff wird in der Regel mit Islamist übersetzt wird. Er  teilt sich mit al-Muslimun („Muslim“) die Wurzel Islam (s-l-m). Muslime sind diejenigen, die sich zur Deklaration des islamischen Glaubens bekennen: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Prophet.“ Der Begriff Islamisten hingegen trifft auf diejenigen Muslime zu, welche die Vormachtstellung des Islam wiederherstellen wollen. Anders als vergleichbare Erneuerungsbewegungen zielt der Islamismus jedoch nicht nur darauf ab, religiöse Gefühle dadurch zu revitalisieren, dass diesen Gefühlen eine substantielle Rolle zugeschrieben wird und das Leben der Gläubigen mit sinnhafter Bedeutung versehen wird. Das Auffällige an dieser religiösen Revitalisierung ist, dass der Islam zu einem Grundstein der politischen und sozialen Ordnung werden soll.

Wie kann man sich nun diesem komplexen Universum annähern, das sich aus einer Vielzahl von Ideen, Pamphleten, organisatorischen und legislativen Maßnahmen wie auch aus einzelnen Anhängern, aus sozialen Bewegungen, Institutionen und Parteien zusammensetzt? Der Rückgriff auf den Diskurs bietet hier ein nützliches Werkzeug, mit welchem sich die inhärente Komplexität dieses religiösen und sozio-politischen Phänomens zumindest in Ansätzen erklären lässt. In Ernesto Laclaus Begrifflichkeit bildet der Diskurs eine „strukturierte Totalität, die sowohl linguistische wie nicht-linguistische Elemente artikuliert“ (Laclau 2006, S. 13).

Laclaus Ansatz folgend weist der islamische Gelehrte Sayyid dem Islam die diskursive Funktion eines Lacan’schen Herrensignifikanten zu. Damit geht es um eine Art Knotenpunkt, durch Bezug auf den sich ein Diskurs anhand bestimmter Verknüpfungen näher beschreiben läßt und der Prozess der Signifizierung sich entfalten kann. Wie Sayyid hervorhebt, repräsentiert der Islam das zentrale Element in einer Pluralität von Diskursen, etwa des Diskurses der Rechtsprechung (fiqh), der islamischen Theologie usw. (Sayyid 1997, S. 47). In diesem Sinne übernimmt der Islam als zentrales Diskurselement die Funktion eines Knotenpunktes, wobei dieser sowohl rückwirkend wie prospektiv die gesamte Palette an Signifikanten organisiert, die sich in den entsprechenden Diskursen niederschlagen (vgl. Lacan, 1997, S. 316 ff.), d.h. der Ausdruck Herrensignifikant verkörpert die Fähigkeit des Knotenpunktes, eine Kette von Signifikanten zu ordnen und den Elementen, welche diese Kette enthält, einen Sinn zu verleihen.

Lacans Begriff des Knotenpunktes ist vor allem deshalb nützlich, weil ein Knotenpunkt seine hegemoniale Bestrebung in einem Kontext der sozialen und diskursiven Auflösung behaupten und damit die gesamte Gesellschaft repräsentieren kann. Jedenfalls vermittelt diese Art diskursiver Organisation die Illusion eines Referenten, der eine Signifizierung religiöser, politischer und sozialer Prozesse ermöglicht. 

In einem höchst instabilen, durch den Kolonialismus geprägten Szenario und unter dem Einfluss einer ausgeprägten Schwächung muslimischer Strukturen im frühen 20. Jahrhundert spielten der Niedergang des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg, sodann die Verbreitung nationalistischer Diskurse – in Gestalt lokaler Nationalismen, des Pan-Arabismus und des Kemalismus – und schließlich die Abschaffung des Kalifats im Jahr 1924 eine entscheidende Rolle.

Insbesondere das Ende des Kalifats bezeichnete das traumatische Eindringen nationalistischer Diskurse in die islamischen Regionen und Länder, wobei das traditionelle Ethos eines islamischen Universalismus nun von lokalen und auch rassistischen Darstellungen von Raum und Gesellschaft unwiderruflich herausgefordert wurde. Ein lebendiger und kreativer Gebrauch von Tradition hatte die Institution des Kalifats geprägt. So war dessen symbolische Rolle über Jahrhunderte zentral gewesen, diese hatte die muslimische Einheit garantiert und als letzter Bezugspunkt der politischen Legitimation funktioniert. Es ist darum nicht überraschend, dass sich 1924, als das Kalifat abgeschafft und das Osmanische Reich durch die Republik Türkei ersetzt wurde, in der muslimischen Welt ein Gefühl der Angst ausbreitete.

In Ägypten führte die anhaltende Präsenz der Briten dazu, dass sich die politischen Ideologien und Praktiken über das gesamte politische Spektrum hinweg radikalisierten. In diesem Kontext gründete der Lehrer Hassan al-Banna (1906–1949) im Jahr 1928 die Muslimbruderschaft als eine Organisation, die soziale Wohlfahrt betrieb und moralisches Verhalten förderte. Bald zog es die Muslimbruderschaft in die Politik, wo sie explizite Ziele verfolgte, die auf die Affirmation des Islam als Herrensignifikant einer reformierten ägyptischen Gesellschaft hinausliefen. Die Kombination aus Wohlfahrt und Glaube, die zunehmend autoritäre Haltung des Regimes und die Diskreditierung der nationalistischen Bewegung, der Wafd, machte diese Bruderschaft bald zur größten politischen Organisation Ägyptens.

Trotz ihrer Rhetorik war die Muslimbruderschaft keine Erscheinung des traditionellen oder orthodoxen Islam. Im Gegenteil, sie war ein erstklassiges Beispiel für eine moderne politische Organisation: Sie berief sich auf die Masse, war populistisch, wurde hauptsächlich durch die städtische Mittel- und Unterschicht unterstützt und begrüßte religiöse Reformen. Zudem konzentrierte sich die Bruderschaft auf Ägypten – sie wollte in erster Linie die ägyptische Politik reformieren und nicht die weltweite islamische Gemeinschaft. In diesem Sinne kämpfte sie für die ägyptische Unabhängigkeit.

In den 50er und 60er Jahren vollzog die Muslimbruderschaft jedoch eine radikale Wendung. Nachdem sie Nasser zur Macht verholfen und sein Regime gefestigt hatte, wurde sie nicht nur durch den Staat unterdrückt, sondern auch durch den arabischen Nationalismus marginalisiert. Diese Politik radikalisierte die Bruderschaft, wie die Geschichte des muslimischen Theoretikers und Kämpfers Sayyid Qutb (1906–1966) zeigt, welcher der Bruderschaft im Jahre 1951 beigetreten war. Unter Nasser 1954 verhaftet und 1966 hingerichtet, erlebte Qutb im Gefängnis die Härte von Nassers Unterdrückung. Dort schrieb er seine wichtigste Abhandlung, Meilensteine. Für Qutb war die zeitgenössische Verderbtheit so tief, dass er der Gesellschaft einen Zustand des jahiliyya attestierte (was in etwa mit „prä-islamische Ignoranz gegenüber Gott“ zu übersetzen ist) und er sie in ihrer Gesamtheit verwarf. Sie bedurfte seiner Ansicht nach einer radikalen Überholung ‚von oben‘.

Diesem Trend folgte das Aufkommen weiterer Bewegungen in den folgenden Jahrzehnten, die nicht nur die heimischen Regimes in ihr jihadistisches Fadenkreuz nahmen, sondern zudem auch die ausländischen Akteure, welche diese Regimes unterstützten, vor allem die „Sponsoren“ und nicht nur die „Gesponserten“, wie Osama bin Laden (1997) einst forderte. Daraus entwickelte sich eine transnationale und jihadistische Form des Islamismus, die sich zunehmend mit der Ummah (mit der muslimischen Gemeinschaft) in ihrer globalen Dimension befasste und die ihre politische und militante Manifestation in der World Islamic Front fand, die bin Laden im Jahre 1998 gründete.

Man sollte jedoch nicht meinen, dass der einzige bzw. dominante Transfer des Islam in die Politik ein grundsätzlich gewaltsamer war. Tatsächlich haben im Mittleren Osten und auch anderswo islamistische Gruppen, die weder gewalttätig noch besonders radikal waren, politische Bekanntheit und sogar Macht erlangt.

In Jordanien und Marokko zum Beispiel wurden Islamisten in einen politischen Prozess integriert, der durch eine autoritäre Monarchie gelenkt wird. In Ägypten bildeten die Islamisten seit 1970 die einzig glaubwürdige durch die Massen gestützte Opposition gegenüber einem autoritären Regime. Das Entstehen dieser komplexen Bandbreite an islamistischer Politik wurde zwar bis heute von äußeren politischen Einflüssen auf den Nahen und Mittleren Osten stimuliert, aber auch vom Versagen des Arabismus, eines entwicklungsorientierten Nationalismus und von autoritären Regimen, die über die gesamte Region verteilt sind.

Insofern bedeuten die arabischen Aufstände für das politische Gleichgewicht in der Region eine radikale Herausforderung; sie haben es sowohl der ägyptischen Muslimbruderschaft wie der tunesischen Nahda Partei ermöglicht, in diesen Ländern die ersten demokratisch abgehaltenen Wahlen zu gewinnen.

Dieser Verband aus lokalen, regionalen und internationalen Akteuren war jedoch nicht in der Lage, den zumindest partiellen Erfolg der Transformation osteuropäischer Staaten zur Demokratie zu wiederholen. Im Gegenteil: Zu den wichtigsten Entwicklungen, die sich im Sog des Arabischen Frühlings abzeichneten, muss das Auftauchen der ISIS gezählt werden.

Diese Organisation entwickelte sich aus der Neugruppierung des Islamischen Staates von Irak (ISI), der nach und nach verschiedene Gruppen einschließlich der al-Qaida vereinte, Gruppen, die – seit der von den USA geführten Invasion von 2003 – im Irak operierten. Unter Führung von Abu Bakr al-Baghdadi, einem sunnitischen Geistlichen, der behauptet, vom Propheten Mohammed abzustammen, hatte der IS bekanntlich zunächst weite Gebiete erobert, vom Norden Syriens bis nach Nord- und Zentralirak, wobei er diese Regionen als Teile des neuen Islamischen Staates von Irak und Syrien bezeichnete und den Anschluss anderer islamistischer Gruppen und arabischer Stämme einforderte. Die arabische Bezeichnung der Bewegung lautet Al-Dawla Al-Islamiya fi al-Iraq wa al-Sham, die arabische Abkürzung ist DAIISH.

Der Eindruck eines Staates wurde durch die Etablierung einer institutionellen Plattform und das Angebot sozialer Dienste unterstützt, aber auch durch die Art und Weise, wie der DAIISH Filmbearbeitungstechniken für Terror- und Propagandavideos einsetzte und wie er die Expansion der Bewegung durch militärische Operationen vorantrieb. Symbolische Ziele waren die Voraussetzung, um das Image des DAIISH auszubauen. Jedenfalls vermochte der DAIISH, westliche Ängste zu schüren, etwa durch das Verbreiten von Videos, die grausame Enthauptungen zeigten. Oder es wurden Trailer veröffentlicht, die sich stilistisch an Hollywood-Action-Filmen orientierten, etwa in Form von Explosionen in Zeitlupe oder mit kinematografischen Titeln wie „Flammen des Krieges: Der Kampf hat erst begonnen“. Durch das Stimulieren unbewusster Ängste, wie dies für das Hollywood-Kino typisch ist, kreierten diese Propagandatechniken eine Vermischung aus Fiktion und Realität. Eine andere symbolische Geste war, wie ein Bulldozer durch den syrisch-irakischen Grenzzaun fuhr. Damit sollte symbolisiert werden, dass die in einem französisch-britischen Abkommen von 1916 festgelegte Sykes-Picot-Grenze nun niedergerissen wurde. Die Aktion zielte klar darauf ab, die von europäischen Mächten konstruierte staatliche Ordnung zu verwerfen und die Idee eines vorkolonialen Territorialitätsprinzips bzw. die pan-islamischen Vorstellung des Kalifats zu erneuern (Ruthven 2014). Eine noch radikalere Geste – in der Geschichte der islamistischen Bewegungen neuartig und kontrovers – war die Entscheidung vom 29. Juni 2014, die Deklaration der islamischen Dawla auf die Proklamation einer Wiederherstellung des Kalifats auszuweiten.

Psychoanalyse und die Herausforderung des Islamismus

In seinem provokativen Essay Psychoanalyse des Islam verknüpft Fethi Benslama das Auftauchen des Islamismus mit der fortschreitenden Aushöhlung traditioneller Vorstellungen, die sich aus dem Zusammenstoß des Islam mit der westlichen Moderne ergeben (Benslama 2017a).

Benslama identifiziert zwei wesentliche Ansprüche, die seine Generation von Muslimen im Tunesien der 1960er Jahren erhob. Erstens der Anspruch, jemand anderes zu sein – anders als der Westen, der die islamische Tradition durch seine Werte und Vorstellungen ersetzt oder sie in einer modernen, westlich geschulten Sprache re-artikuliert hatte. Zweitens der Anspruch auf Authentizität, der, wie Benslama sagt, mit der Verzweiflung, ein Selbst zu sein, einherging. Was gefordert wurde, war eine gezielte Rückkehr zum Ursprung, zur Wahrheit von islamischem Gesetz und Tradition, zu den imaginär-schützenden Koordinaten der Religion:

„Die Qual der Quelle ist zunächst das Symptom einer Zementierung der traditionellen Zusammengehörigkeit von Wahrheit und Gesetz (haqiqa und chari’a), die das Subjekt einem Exzess des Realen und des Genießens überlässt, der ihm Angst macht, da es ihm nicht gelingt, in seinem imaginären und alten symbolischen Universum etwas zu finden, das den Exzess eindämmen kann. Daher der Rekurs auf den Ursprung in der Hoffnung, den Schutzschirm der religiösen Illusion wiederherstellen zu können.« (Benslama 2017a, S. 47)

In dieser Passage steht das Reale (im Lacan’schen Sinne) in Opposition zum Imaginär-Symbolischen, und zwar als Bereich dessen, was außerhalb der Symbolisierung abläuft (Lacan 2013, S. 11 ff.). Es ist diese mysteriöse, traumatische Macht, die alptraumhafte Erscheinung, die das Symbolische der Sprache überschreitet und uns daran erinnert, dass es unmöglich ist, einen grundsätzlich vorhandenen, in diesem Sinne konstitutiven Mangel auszugleichen (Žižek 2014, S. 26). Im Zentrum von Benslamas Argumentation steht nun die besondere Verbindung, welche die symbolische Struktur mit der sog. Jouissance herstellt, d.h. mit einem Genießen, auf dessen Grenzenlosigkeit wir verzichten müssen, sobald wir die symbolische Ordnung betreten.

Hier sollte ein grundlegender Unterschied zwischen der „phallischen“ und der „weiblichen“ Jouissance bedacht werden. Erstere lässt sich als eine Macht verstehen, welche die Struktur der Lust und ihre symbolische Ökonomie unterstützt. Dies bedeutet einerseits, dass eine homöostatische Begrenzung für die körperliche Lust gesetzt wird, damit diese für das Subjekt erträglich bleibt. In ödipaler Hinsicht entstehen ein Verbot und das Begehren, dieses Verbot zu überschreiten (vgl. Lacan 2016, S. 231 ff.). Im Seminar XX, Encore, beschreibt Lacan eine zweite, weibliche Form der Jouissance, die nicht phallisch gesetzt ist und sich der Symbolisierung, dem Wissen und Begehren entzieht (Lacan 2015, S. 10 und 43 ff.). Mittels der Untersuchung mystischer Figuren bezieht Lacan eine solche weibliche Jouissance paradigmatisch auf Gott.

Man kann nun die These vertreten, dass der Islam den realen Exzess Gottes im Grunde als weibliche Jouissance bewahrt. Gott bleibt im Gebiet des Unmöglichen-Realen erhalten, d.h. in einem Gebiet jenseits einer symbolischen Funktion des Vaters. Im Gegensatz dazu könnten Judentum und Christentum als frühe Versuche aufgefasst werden, eine solche Unmöglichkeit innerhalb der stabilisierenden Grenzen der Symbolisierung unterzubringen. Gott wurde in einem solchen Ausmaß mit der väterlichen bzw. familiären Logik verbunden, dass das Judentum als Religion des Vaters und das Christentum als Religion des Sohnes definiert wurde (Hirt 1984, S. 11).

Diese patriarchale Ordnung fand ihre institutionelle Repräsentanz in der Abstammungslinie von Abrahams Sohn Isaak, welcher der Ehe zwischen Abraham und seiner Frau Sarah, der Hebräerin, entstammte und damit Anspruch auf das uneingeschränkte Erbe Abrahams hatte (Genesis 21:10-12). In der Bibel war es Isaak, der von Gott auserwählt wurde, das Bündnis mit Abrahams Nachfahren zu schließen, und Isaak war es, der die jüdische Genealogie gründete (Genesis 17:19-21).

Der Bezug zu Isaak, den Gott mit diesem Bündnis institutionalisierte – durch die Beschneidung und den Gehorsam vor dem Gesetz –, erlaubte es den Juden, Abraham als symbolischen Vater der Gemeinschaft anzunehmen. Dadurch wurde Abraham zur „phallischen Lösung der väterlich-symbolischen Autorität, der offiziellen symbolischen Abstammungslinie“ (Žižek 2006a). Die primäre Unmöglichkeit Gottes wird zu einem Unmöglichen-Realen, das der symbolischen Aneignung unterworfen wird.

Im Gegensatz dazu feiert die islamische Tradition die Verbindung mit Ishmael, dem Sohn des Abraham, den dieser mit Sarahs ägyptischer Dienerin Hagar zeugte. Sarahs eifersüchtigen Forderung folgend, entschloss sich Abraham, Hagar und ihren Sohn Ishmael in der Wüste auszusetzen, wodurch er diesem Sohn das Recht auf das Erbe nahm. Obwohl Gott Hagar versprochen hatte, Ishmael zum Gründer einer großen Nation zu machen, ist Ishmaels Aussetzung und sein Ausschluss von Abrahams Erbe ein Hindernis für Abrahams symbolische Rolle als Vater. Was hervorgehoben werden muss, ist die ursprünglich fehlende Funktion des Vaters im Islam, die mit Ishmaels biblischer Aussetzung in der Wüste bestens verdeutlicht wird. Ein ähnliches Schicksal findet sich übrigens bei Mohammed, dem Begründer des Islam, der ein Waise war. Im Gegensatz dazu spielen weibliche Figuren im Islam ursprünglich eine große Rolle, wie eben auch Hagar, die nicht-jüdische Frau.

In Benslamas Essay verkörpert Hagar die Stammmutter des Islam, die weibliche Fremde, die durch die Geburt Ishmaels die islamische Gemeinschaft überhaupt erst ermöglichte. Hagar verkörpert in der islamischen Tradition gewissermaßen die reine weibliche, mystische Jouissance. Paulus verweist zum Beispiel darauf, dass Hagar Gott sehen und mit ihm sprechen konnte. Sie kannte Gott, nannte diesen beim Namen und vermochte, körperlich gesprochen, eine verführende und strotzende Kraft auszudrücken, die eine Nachkommenschaft jenseits der symbolischen Kastration erlaubte und somit über einen Zugang zum Verborgenen, Göttlichen, Entgrenzten verfügte (Benslama 2017a, S. 174).

Deswegen wurde der Islam aus der exzessiven Macht heraus gegründet, die durch Hagars weibliche Jouissance in ihrer unmittelbaren Beziehung zu Gott verkörpert ist. Und Gott wiederum wird im Bereich des Unmöglichen gehalten, weil es keine phallische Lösung gibt, um die Beziehung zwischen Mensch und Gott vor dem Hintergrund einer väterlich-symbolischen Autorität zu organisieren. Der Koran fordert, dass Allah eben nicht der Vater sei, da die Einzigartigkeit Gottes jede Art von göttlicher Zeugung, Abstammung und Genealogie ausschließe, selbst wenn diese symbolisch wäre:

„Sprich: Er ist Gott, (der) Eine; der unabhängige Meister, den alle Wesen brauchen; Er hat kein Kind gezeugt, noch wurde er gezeugt; und niemand ist mit ihm vergleichbar“ (Qur’an 112:1).

Benslama verweist darauf, dass der Islam ursprünglich der fruchtbaren und exzessiven Energie einer weiblichen Jouissance ausgesetzt war, diese subversive Kraft jedoch zunehmend einer ethischen, gesetzlichen und theologischen Ordnung unterworfen und durch die phallische Organisation eines signifizierenden Universums entschärft bzw. strukturiert wurde. Diese Entwicklung führte zur „Auslöschung der Stammmutter“ und zu ihrer Reduktion auf eine „Vermittlerin, die körperlich die Form des Vaters an den Sohn weitergibt“ (Benslama 2017a, S. 172). Das heißt, die Auslöschung Hagars war der Versuch, die exzessive Macht weiblicher Jouissance dadurch zu begrenzen, dass diese auf die symbolische Ökonomie eines sexuellen Vergnügens reduziert wurde. Daraufhin wurde auf der Grundlage männlicher Souveränität ein System von Gesetzen errichtet.

In dieser Lesart vermag jedoch im Grunde die weibliche Kraft der phallischen Symbolisierung zu widerstehen, es gelingt nie ganz, die exzessive weibliche Macht zu bannen bzw. auszulöschen. Insofern verfolgt das Gespenst der Frau das islamische Denken bis auf den heutigen Tag. Noch schlimmer, der Zusammenstoß mit der Moderne führte zu einer neuen, erschreckenden Exposition gegenüber dem Exzess der weiblichen Jouissance, entfesselte gleichermaßen die „traumatische-subversive-schöpferische-explosive Kraft weiblicher Subjektivität“ (Žižek 2006a). Für Benslama ist der Islamismus insofern Symptom einer „tiefen Erschütterung in der immer gefährlichen Beziehung zwischen dem Realen und den symbolischen Strukturen“ – eine Irritation, welche Islamisten mit ihrem „Ruf nach dem Schleier des Ursprungs“ zu bewältigen versuchen (Benslama 2017a, S. 324).

Islamistische Varianten einer Begegnung mit dem Realen

Benslamas (2017a) Schilderungen eines Zerfalls der traditionellen symbolischen Autorität des Vaters, den die Moderne mit einer erschreckenden Freisetzung des Realen herbeiführte, findet größte Resonanz in der aktuellen Debatte über einen paradigmatischen Wandel des Islam (Tort 2007). Dazu gehört die These, dass eher die Postmoderne als die Moderne für den Untergang des Ödipus verantwortlich sei, was bedeutet, dass die Postmoderne eine Epoche darstellt, „in der der paradigmatische Modus der Subjektivität nicht mehr in jenem Subjekt besteht, das durch die symbolische Kastration in das väterliche Gesetz integriert wird, sondern im ‚polymorph-perversen Subjekt‘, das dem Genussbefehl des Überichs Folge leistet“ (Žižek 2010, S. 338).

Ob nun die Tradition als Ort des väterlichen Gesetzes oder die Modernität als Vollendung der ödipalen Funktion betrachtet wird, im Prinzip entsprechen sich die Sichtweisen in einem wesentlichen Punkt, nämlich, dass die transzendente Funktion des Vaters unwiderruflich problematisch ist. Vor allem ergibt sich eine Krise des Begehrens: Ist die Kastration erst einmal suspendiert, hört das Begehren auf, eine Schlüsselmanifestation des Subjektes des Unbewussten zu sein (Recalcati 2010, S. X). Zwei Tendenzen widerspiegeln diese Suspendierung der Kastration: Erstens als narzisstische Verstärkung des Egos, die eine „feste Identifizierung“ herstellt (wodurch die subjektive Identität auf sterile Weise petrifiziert wird), und zweitens als „Gier zu genießen“, die versucht, jede symbolische Mäßigung zu umgehen (Recalcati 2010, S. X und 28). In diesem Szenario lässt sich die fundamentalistische Nähe zur Integrität und Reinheit als feste Identifizierung begreifen, die dem paranoischen Traum eines nicht-verschmutzten Selbst hinterherläuft.

Folgt man diesem theoretischen Ansatz, besteht das Risiko darin, dass die Komplexität des islamistischen Universums auf eine Art nostalgische Sehnsucht reduziert wird. Benslamas Lesart des Islamismus scheint diese Möglichkeit zu favorisieren. Er versteht den Islamismus als ultimativen Versuch, den Schutzschild der Illusion in einer Zeit wiederherzustellen, in welcher die symbolische Autorität des Vaters grundlegend erschüttert ist. Dem Islamismus wird ein traditionalistischer und nostalgischer Charakter attribuiert, für den das verzweifelte Streben nach dem Ursprung typisch ist. Traditionalistische und nostalgische Einstellungen der Islamisten werden somit hervorgehoben, während kompromissbereite und kreative, an der Moderne orientierte Strömungen innerhalb des Islam übersehen werden.

Insofern könnte Benslamas Ansatz dadurch bereichert werden, dass man die Vielzahl weiterer diskursiver Varianten berücksichtigt, die derzeit in der islamistischen Welt existieren. Kritisch gesehen, ist „die Krise des Symbolischen“, die Benslama skizziert, nicht besonders epochal: Das Symbolische steckt doch stets in Schwierigkeiten, indem es durch kontingente Ereignisse gestört wird, welche die zeitliche Fixierung von bestimmten Bedeutungen problematisieren und zwischen einzelnen Diskursen neue hegemoniale Konkurrenzkämpfe auslösen.

Ereignisse wie der Kolonialismus oder die Globalisierung bewirken zwar eine gewaltsame Umgestaltung unserer Vorstellungen, z.B. in Form einer Auflösung des engen Zusammenhangs von Wahrheit und Gesetz (haqiqa, sharia). Die Begegnung mit dem Realen, die solche Ereignisse implizieren, muss jedoch nicht zwangsläufig zu den „Qualen des Ursprungs“ oder einer verstörten, wahnhaften oder verzweifelten Haltung führen, die für Islamisten typisch sein soll. Natürlich funktioniert der Islamismus wie jedes andere diskursive Gebilde, indem er versucht, den Auflösungsprozess einer solchen diskursiven Dislokation zu nutzen, um das soziale Universum im Rahmen einer konter-hegemonialen Auseinandersetzung in seinem Sinne zu re-signifizieren. Andererseits kann die kreative Macht des Realen es ermöglichen, die Grenzen der symbolischen Organisation zu re-konfigurieren und die Situation des sozialen Zerfalls zu stabilisieren, indem ein neuer Herrensignifikant etabliert wird, der die Situation „lesbar“ macht (Žižek 2006c, S. 37).

Statt den Islamismus als feste Identifizierung zu betrachten, ließen sich islamistische Diskurse auch als distinkte Strömungen interpretieren, die sich in verschiedener Weise mit dem Phänomen der Auflösung auseinanderzusetzen. Man könnte diese Diskurse als verschiedener Wege verstehen, die alle, innerhalb ihrer jeweiligen symbolischen Ökonomie, die produktive Macht des Realen mobilisieren.

Grundlegend ist dabei der Gedanke, dass der Islamismus nicht (nur) versucht, eine solche symbolische Ökonomie auf der Basis eines anti-imperialistischen Widerstands wiederherzustellen, indem er sozusagen gezielt eine präkoloniale Authentizität verficht. Selbst in den Anfängen islamistischer Bewegungen strebten Gruppen wie die Muslimbrüder danach, symbolische Koordinaten zu re-artikulieren bzw. neu zu erfinden, wobei sie die Sprache der Kolonialisten übernahmen (Lia 1998, Mura 2015).

Weit entfernt davon, eine melancholische oder rigide Haltung gegenüber dem kulturellen und sozialen Wandel einzunehmen, haben viele dieser islamistischen Gruppen die zentrale Funktion des Begehrens aufrechterhalten und die Begegnung mit dem neuen, durch diesen Wandel evozierten Realen begrüßt, die Benslama als überwiegend verstörend und problematisch beschreibt.

Insofern sollte jede Evaluation der Art und Weise, wie der Islamismus den Bezug von Fantasie, Begehren und Jouissance organisiert, auch die positive Bestimmung des Realen hervorheben. Das Reale ist nicht nur das negative und traumatische Moment einer Zerrüttung des Symbolischen, sondern stellt vielmehr die exzessive Energie dar, die im Grunde der Idealisierung einer möglichen Beseitigung des Mangels entspringt (Glynos & Stavrakakis 2004). Aus dieser Perspektive präsentiert jeder Diskurs (z.B. der Diskurs des Nationalismus oder des Sozialismus) seinen Herrensignifikanten (z.B. die Nation, die sozialistische Gesellschaft) als einen leeren Signifikanten, der sowohl den Mangel als auch das lustvolle Versprechen seiner Erfüllung symbolisiert. Genau diese lustvolle Erregung, die mit dem Versprechen einhergeht, versuchen die verschiedenen Diskurse für ihre Zwecke zu mobilisieren, und es ist diese Erregung, welche auch die positive Charakterisierung des Realen indiziert.

Nun verkörpert der Islam – jedenfalls im diskursiven Universum des Islamismus – eben dasjenige Objekt, das in irgendeiner Weise einen Mangel impliziert: Alle Probleme lassen sich von diesem Mangel ableiten. Eine gängige Vorstellung islamischer Gruppen, die sich eine religiöse Renaissance erhoffen, besteht darin, dass der Islam – im Sinne eines leeren Signifikanten – im alltäglichen Leben der Muslime abwesend ist, d.h. dass er lediglich „schlafend in ihren Seelen ruhe“ (al-Banna 1935). Diese Abwesenheit des Islam gilt als wichtigste Ursache sowohl für die allgemeine soziale Ungerechtigkeit wie auch für die schwierige Lage, für die Malaise des Individuums. Im selben Zuge wird diese Abwesenheit durch bestimmte Fantasien positiviert: Alle Probleme wären gelöst, wenn der Islam wieder einen vitalen und ausgeglichenen Zustand erreichen würde. Daher rührt auch der äußerst populäre Slogan „Islam ist die Lösung“. Was diese Fantasie erstrebenswert macht, ist der Umstand, dass sie das Symbolische mit dem Realen in Form einer präsymbolischen Energie des Subjektes verbinden könnte.

Oft nehmen solche Fantasien die Form einer Stilisierung der Vergangenheit oder einer utopischen Visualisierung der Zukunft an. Wie bereits erwähnt, wird die nostalgische Variante oft als eigentliches Paradigma des Islamismus betrachtet. Benslama zufolge ist „die Melancholie die einzig mögliche Haltung in Erwartung des Jüngsten Gerichts, es sei denn, man stürzt sich in den Terror“. Und er fährt fort: „Die Islamistische Bewegung wäre dann eine Umkehrung des Messianismus, nämlich ein Antimessianismus aus Verzweiflung an der Zeit.“ (Benslama 2017a, S. 54)

Andere, vor allem reformorientierte Bewegungen vertreten eine innovativere Haltung gegenüber der Zukunft. Die Vergangenheit wird hier eher als ein Pool von Ressourcen begriffen, die eine positive Gestaltung der Zukunft ermöglichen. So beziehen sich etwa die Muslimbrüder oder die palästinensische Hamas auf die shura (Beratung) oder waqf (religiöse Stiftungen), um ihre parlamentarische Praxis zu legitimieren und das Konzept einer nationalen Territorialität zu islamisieren (Mandaville 2011).

Weitere Spielarten des Islam vertreten indes eine betont utopische Haltung. Aus der radikalen Perspektive Sayid Qutbs ist die islamische Gesellschaft „nicht nur ein Gebilde der Vergangenheit“, sondern vielmehr „eine Forderung an die Gegenwart und eine Hoffnung auf die Zukunft“ (Qutb 2006, S. 103). Die Melancholie der Vergangenheit wird hier mit einer avantgardistischen Konzeption der islamischen Gemeinschaft verknüpft. Aus diesem Grunde wird die Ummah als virtuelles Objekt im Sinne einer geistigen Verheißung gedeutet. Wie auf der Website von Hizb ut-Tahrir nachzulesen ist, verharrt die islamische Welt derzeit in einem Zustand des kufr (hier als „Ungläubigkeit“ zu verstehen). Insofern funktioniert die Ummah als ein utopisches Ideal, d.h. als Artikulation der Idee eines ‚Jenseits‘ bzw. eines ‚Danach‘, das sowohl als Gegenstand religiöser Fantasien wie der politischen Mobilisierung dient.

Andere islamische Diskursvarianten fordern unmissverständlich Wandel und Transformation, indem sie sich sowohl von der nostalgischen wie auch von der utopischen Position absetzen. Ein Beispiel dafür ist Shabbir Akhtars Votum für eine islamische Theologie der Befreiung. Hier geht es um die demokratische Befreiung der muslimischen Massen im Rahmen einer Politik, die mit Armut, Unterdrückung und Unrecht Schluss machen will, analog zu den Bestrebungen lateinamerikanischer Theologen. Weit entfernt von einer melancholischen Haltung, wird hier die libidinöse Besetzung explizit auf das machtvolle Eintreten für politische und emanzipatorische Ziele gerichtet:

„Unser Streben nach Macht ist genauso natürlich und instinktiv wie der Sexualtrieb. Die wahre Frage betrifft seine Regulierung. Denn alle Ideologien überleben mithilfe von Macht. Deswegen steckt ein – wenn auch frommer – Fehler in der Behauptung, die authentische religiöse Ambition könne es sich leisten, ‚die Angelegenheiten des Cäsars‘ nicht genügend ernst zu nehmen.“ (Akhtar 1991, S. 84)

Insgesamt besteht also eine sehr große Bandbreite von Diskursen innerhalb eines globalisierten und transnationalen Horizontes, die ihren Fokus entweder eher auf die Vergangenheit ausrichten oder ihre imaginative Energie in die Visualisierung eines zukünftigen Objekts des Begehrens investieren, d.h. in die Vorstellung einer zukünftigen islamischen Ära.

Komplexe Netzwerke von Websites, Chat-Foren, Boards usw. ermöglichen einen außergewöhnlichen Austausch von Informationen über alle möglichen Aspekte des muslimischen Lebens und eröffnen damit auch den Weg zu neuen Formen sozialer Beziehungen. Beispielsweise bietet die Website Muxlim eine virtuelle 3-D-Welt an, die aus digitalen Städten, Gebäuden, Parks usw. besteht und 2006 als islamische Alternative zu säkularen Virtual-World-Produkten lanciert wurde. Die muslimische Fantasie einer nicht-fragmentierten Ummah bildet hier eine Mikrowelt, in welcher das neue Cyber-Selbst den Traum einer absoluten Einheit und die ultimative Möglichkeit erfährt, traditionelle Spaltungen und Konflikte zu überwinden. Insofern ist Muxlim ein gutes Beispiel dafür, wie das Reale imaginär-symbolische Aktivitäten kreativ zu stimulieren vermag. Stavrakakis kommentiert diese Fähigkeit so:

„Außer den Verheißungen der Fantasie, die das Begehren unterhält, welches unsere Identifizierungen stimuliert, gibt es mindestens zwei weitere Dimensionen: unsere Fähigkeit, Grenzerfahrungen, die mit der Jouissance des Körpers verbunden sind, zu durchleben, und die Tatsache, dass das Begehren selbst eine Jouissance nach sich zieht – einen Genuss, der jenseits der Antizipation phantasmatischer Erfüllung liegt.“ (Stavrakakis 2005, S. 69)

Mit anderen Worten: Die Jouissance könnte in diesem Fall als eine partielle Erfahrung erlebt werden, die dazu verhilft, das Begehren (nach dem Objekt des Islam) in Form einer Art Antizipation der Lust zu genießen: Es ist eben diese Antizipation, welche die Verheißung des Objektes der islamischen Gemeinschaft stützt.

Von kollektiven Festen wie Ramadan bis zu ekstatischen Ritualen des Sufismus und zu beeindruckenden Beerdigungsprozessionen, die oft mit politischer Bedeutung aufgeladen werden, sind solche religiösen und kulturellen Feste wichtige Gelegenheiten, um das Genießen in Gruppen zu mobilisieren (Pratt Ewing 1997). All diese Feierlichkeiten funktionieren als Formen der partiellen Erfahrung und stärken den sozialen Zusammenhalt der Gläubigen. In diesem Kontext sollte auch die derzeitige Entstehung islamischer Nachbarschaften in europäischen Städten gesehen werden, sie bieten eine erste Antizipation des angestrebten Reiches der Tugend und der Erlösung an. Weitere Phänomene sind das Schaffen islamischer Touristenanlagen, in denen sich das Ideal eines islamischen Lebens widerspiegelt (Dabrowska 2004), oder die Durchführung künstlerischer Events. Islam Hip-Hop dürfte hier die wichtigste Form des Protestes gegenüber sozialer und politischer Diskriminierung sein. Sich über seinen afrikanisch-amerikanischen Ursprung ausbreitend, nutzen muslimische Rapper die Musik, um ihren Glauben zu verbreiten und eine globale Hip-Hop-Ummah zu schaffen (Alim 2005).

Eine weitere Möglichkeit, wie die Jouissance im Bereich einer symbolischen Ökonomie mobilisiert werden kann, betrifft ein Phänomen, das Žižek als „Diebstahl des Genusses“ bezeichnet (Žižek 1990, S. 54). Diesem liegt das Phantasma eines Feindes zu Grunde, der ein generelles Hindernis in der Realisation bestimmter, z.B. islamischer Verheißungen repräsentiert und die geschilderte Ökonomie von Fantasie und Begehren nachhaltig stört. Eine andere Art der Jouissance, etwa die Jouissance des westlichen Lebensstils, wird als „traumatischer Eindringling“ erlebt (Žižek 2006b). Der Andere wird dann als derjenige wahrgenommen, der die zukünftige Realisierung des Islams verhindert. Aus dieser Sicht wird der Islam zu einem Ort von „Ruhm und Tapferkeit, Wahrheit, Stärke, Segen, Reinheit, Stabilität, Tugend und Edelmut“, im Gegensatz zu dem „Pfad Europas“, der auf „Verlockung, Glamour, Vergnügen und Luxus, Laschheit und Zuchtlosigkeit gründet und die gefangene Seele befriedigt“ (al-Banna 1936). Der „Feind“ wird zu einem Außen, das verwendet wird, um ein muslimisches Selbst zu konstruieren.

Anders als dieser Mainstream-Islamismus distanzieren sich bestimmte globale jihadistische Bewegungen von dieser binären Logik anti-imperialistischer Vorstellungen (wobei der Topos des Feindes jedoch erhalten bleiben kann). Von konservativeren Bewegungen, wie Hizb ut-Tahrir und al-Muhajiroun, zu aktuellen Narrativen, die den Diskurs des DAIISH bestimmen, gründen sich alle Überlegungen letztlich auf die Unterscheidung zwischen „wahren“ und „nicht-wahren“ Gläubigen. Diese Unterscheidung führt dazu, dass auch „normale“ Muslime zur Gruppe der „nicht-wahren“ Gläubigen gezählt werden. Roy beschreibt solche neo-fundamentalistischen Gruppen folgendermaßen:

„Wenn er über seine Schulter schaut, sieht der Mujahid nichts als Kafir (Ungläubige) in den Ländern, die er eigentlich beschützen sollte. (…) Sie sind belagert in einer Festung, die sie nicht bewohnen.“ (Roy 2004, S. 288)

Mittlerweile haben in dem breiten Spektrum moderater und revolutionärer, friedlicher und jihadistischer, nostalgischer und schöpferischer, nationalistischer und globalistischer Formationen, die sich mit der Macht des Realen auseinandersetzen und ihre symbolische Ökonomie re-organisieren, durchsetzungsfähigere, optimistische, innovative und auch anti-dogmatische Strömungen entwickelt, die neue Formen politischer Optionen und Kompromisse anstreben. Sie liefern ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Vorhandenseins eines geistigen Horizonts im derzeitigen Zustand einer sozialen und politischen Instabilität, die sowohl den Nahen Osten wie auch Europa bestimmt. Das Verständnis für die Vielzahl islamischer Strömungen und deren Dialektik von Fantasie, Begehren und dem Realen, das Gespür für die Jouissance und die Akzeptanz der jeweiligen Individualität werden gute Voraussetzungen bilden, um mit dem Phänomen des Islam im Nahen und Mittleren Osten sowie in den Staaten Europas kreativ und produktiv umzugehen.

Dr. phil. Andrea Mura;  Department of Politics and International Relations;  Goldsmiths, University of London, New Cross,  London SE14 6NW – UK
Phone: +44 (0)20 7919 7741, Fax: +44 (0)20 7919 7743  Email: A.Mura@gold.ac.uk

Grundlage des Beitrags ist der Vortrag „Islamic Revival and the Politics of Globalization” bei den 3. Segeberger Psychosomatik-Tagen im September 2016.

Übersetzung: Jacques Goetzmann

Veröffentlichung auf dieser Website mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Alle Rechte beim Autor und beim Übersetzer

Literatur

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Geneviève MorelFranz Kaltenbeck: die Psychoanalyse seit Beckett

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David Neilson (Hamm) und Chris Gascoyne (Clov) in Endspiel von Samuel Beckett
Citizens Theatre Glasgow 2016

Bühnenbild und Kostüme: Tom Piper. Foto: Tim Morozzo

Für Franz Kaltenbeck[note]Franz Kaltenbeck (1944–2018), Psychoanalytiker in Lille sowie in Paris, wohin er in den 70er Jahren gezogen war, um bei Lacan eine Analyse zu machen. Er war Psychoanalytiker in der Haftanstalt von Sequedin und er leitete ein Seminar für Kriminologie am Centre Hospitalier Régional Universitaire von Lille. Er war Chefredakteur der Zeitschrift Savoirs et clinique (érès).[/note] ist Beckett ein für die Psychoanalyse genauso entscheidender Schriftsteller wie Sophokles, Shakespeare oder Joyce.

Beckett beginnt Anfang der 30er Jahre, nach dem Tod seines Vaters, an den er stark gebunden war, eine Analyse mit Wilfred Bion. Er liest aufmerksam Freud und interessiert sich für den umstrittenen Begriff des Todestriebs; Lacan wird später daraus eine wesentliche Stütze des Genießens (jouissance) machen, aufgefasst als ein Jenseits des Freud’schen Lustprinzips, als einen Exzess der Lust (plaisir) oder des Leidens. Der Dichter verbindet seine „Liebe zu den Steinen“ ausdrücklich mit dem Bestreben, zu einem mineralischen Zustand zurückzukehren, das Freud den Lebewesen zugeschrieben hatte.[note]Vgl. J. Knowlson, Beckett, Babel, 2007, S. 76 und Anmerkung 146 zu Kapitel 1.[/note]

Franz Kaltenbeck weist darauf hin, dass Molloy in dem gleichnamigen Roman durch das Problem der Permutation der sechzehn zu lutschenden Steine dazu gebracht wird, die Weite des Ozeans zu evozieren, als einem Objekt, von dem das Begehren geködert wird. Im Roman heißt es:

„Allerdings, man näherte sich ihm, um zu sehen, was es da gab, ob es sich vielleicht um eine wertvolle Sache handele, die von einem Schiffbruch stammte und vom Sturm an den Strand geworfen war. Aber sobald man bemerkte, dass dieses Strandgut lebte und angemessen, wenn auch dürftig bekleidet war, kehrte man ihm den Rücken.“[note]Samuel Beckett: Molloy. Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Erich Franzen. In: Ders.: Molloy. Malone stirbt. Der Namenlose. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, S. 103. Originalausgabe: Molloy. Les Éditions de Minuit, Paris 1951.[/note]

Dieses rätselhafte Objekt, zugleich anziehend und abstoßend – antizipiert es nicht das berühmte Objekt a, das Lacan als Ursache des Begehrens definiert hat? Gegenstand der Angst oder des Genießens, je nach Kontext, Erbe des Begriffs das Ding, der dunkle Teil meines Nächsten oder von mir selbst, dem ich, Freud zufolge, nicht ins Auge sehen und das ich nicht identifizieren kann.

Wenn man Franz Kaltenbeck folgt, handelt es sich nicht nur um eine Vorwegnahme von Lacan durch Beckett, sondern auch um eine Modifikation, ja um eine Korrektur. Er zeigt das ausgehend von Watt, einem Text, der überwiegend zwischen 1942 und 1945 geschriebenen wurde, in Roussillon, wo Beckett sich vor der Gestapo versteckt hielt. Watt wird mit Arsene konfrontiert, seinem Vorgänger im Dienste von Mr Knott, in der Kette der Namen der aufeinanderfolgenden Diener, einer Kette, die ins Nichts führt. Ihm wird dann klar, dass er sich zwischen zwei Toden befindet – jenseits einer bestimmten Grenze sind die Namen seiner Vorgänger verloren, und er wird dasselbe Schicksal erleiden und vergessen werden. Einzig die Schrift wird das Nichts abwenden können. Es ist nicht erstaunlich, dass Watt sieht, wie Arsene sich, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, verdoppelt, in der Morgendämmerung des Tages, an dem er seinen Dienst antritt. Der anbrechende Tag wird wie eine Substanz beschrieben, die überall einsickert. Franz Kaltenbeck sieht darin eine besonders gelungene Evozierung des Dings:

„Wie so oft in seinem Werk arbeitet Beckett auch hier mit einem Understatement. Das Ding wird nicht in einem transzendenten Raum lokalisiert, der Mensch ist nicht scharf davon getrennt. Dies im Gegensatz zu dem, was man glauben könnte, wenn man das Seminar Die Ethik der Psychoanalyse liest, worin Lacan das Ding an einem Ort ansiedelt, der verboten ist und der für jede Repräsentation durch Signifikanten unzugänglich ist.“[note]F. Kaltenbeck: La psychanalyse depuis Samuel Beckett. In: Savoirs et clinique, Heft 6, 2005/1, S. 191–200, im Internet hier.[/note]

„Sieht aus wie ein Knabe“

Franz Kaltenbeck hat Personen begleitet, die im Gefängnis saßen, weil sie ein Kind gefoltert und schließlich getötet hatten. Er wollte vor allem begreifen, warum Eltern eines ihrer Kinder zerstört hatten, während sie sich paradoxerweise um andere kümmerten. Was bedeutete dieses Kind für sie?

Beckett hat eigenartige Kinder in Szene gesetzt und damit Hinweise gegeben; dazu gehört etwa das Botenkind in Warten auf Godot, das mit einer Stimme sprechen soll, die den Anschein erweckt, als käme es aus einer anderen Welt.

Noch geisterhafter ist das Kind in Endspiel, einem Stück, dass er während der Trauer um seinen Bruder geschrieben hat. Zum Stück gehören vier Personen. Nell und Hagg, die beide in einem Mülleimer leben, sind die Eltern von Hamm, und Clov ist Hamms Diener. Hamm begreift sich als Adoptivvater von Clov, der jedoch nur anerkennt, dass Hamm ihm „dazu“ gedient hat (warum kann er nicht sagen, „als Vater“?).

Nun ist das Stück von der rätselhaften „Geschichte“ über ein Kind durchzogen, die von Hamm erzählt wird. Darin geht es um einen Vater, der auf dem Bauch kriecht und der Hamm bittet, ihn und sein Kind aufzunehmen. Hamm hätte den Vater in seine Dienste genommen; da sein „Roman“ jedoch immer wieder unterbrochen wird, erfährt man nicht, was aus dem Kind schließlich geworden ist.

Am Ende des Stücks verlangt Hamm von Clov, auf eine Leiter zu steigen, um ihm das Außen zu schildern. Das Endspiel setzt das Ende der Welt voraus oder zumindest eine schwere ökologische Krise – das Licht ist grau, die Erde überflutet. Clov betrachtet diesen „Ekel“, stößt danach einen Schrei aus, wendet sich zu Hamm und sagt „mit Entsetzen“: „Sieht aus wie ein Knabe (môme)“.

Woher könnte dieser „Knabe“ wohl kommen, wenn nicht aus dem „Roman“, den Hamm erzählt? Das Kind im Außen, das von Clov gesehen wird, der es als „potentiellen Erzeuger“ bezeichnet (vielleicht eine Anspielung auf seine verschiedenen Väter), ist ein Kind, das man „auslöschen“ müsste, wie das endgültige Wort von Hamm lautet. Als Gefangener von Hamms unterbrochener Erzählung wird Clov, der adoptierte Sohn, das Kind halluziniert haben, von dem das Haus desjenigen belagert wird, der vor allem Clovs Herr geworden ist. Clov sieht im Außen das Kind, das er gewesen ist, das bis in Hamms Fiktion hinein zurückgewiesen worden ist, das also aus dem Symbolischen verworfen ist und im Realen wiederkehrt, wie Lacans Formel lautet.

Diese Deutung wird durch die Hinweise gestützt, die Beckett zur Inszenierung gegeben hat: Der „Roman“ von Hamm ruft in Erinnerung, wie Clov als Kind in sein Haus kam. Clov ist wahrscheinlich eine Zeitlang völlig allein gewesen, da sein Vater auf dem Weg gestorben war. Diese Ereignisse der Vergangenheit haben das Entsetzen hervorgerufen, in dem das gesamte Stück badet.

Der halluzinierte „Knabe“, der Clov erscheint, dieser „potentielle Erzeuger“, den er so sehr fürchtet, antwortet also auf den Bruch der zerbrochenen „Geschichte“ des von Hamm verworfenen Kindes.

„Das ist keine Fiktion mehr. Es gehört zum Realen.“[note]F. Kaltenbeck, „On dirait un môme“. In: Savoirs et clinique, Heft 21, 2016/2, S. 44–54. Vgl. auf dieser Website: F. Kaltenbeck: Verstoßene Kinder. Veröffentlicht am 23. April 2016, hier.[/note]

Und dieses Kind wird von Hamm ein weiteres Mal dem Tode geweiht. Das Beckett’sche Kind, das zunächst allein gelassen wurde und dann von demjenigen verworfen wurde, der sich gleichwohl als sein Adoptivvater ausgibt, dieses Kind, das im Realen als Halluzination wiederkehrt, erschreckend für seine Eltern aber vielleicht auch für sich selbst, dieses Kind könnte, Franz Kaltenbeck zufolge, den dunklen Status derjenigen aufhellen, die für ihre kriminellen Eltern „überhaupt nicht zu dieser Welt gehören“.

Übersetzt von Rolf Nemitz

Eine frühere Fassung dieses Textes erschien unter dem Titel „Ce qu’il apprend aux psychanalystes“ in Le Nouveau Magazine Littéraire, Heft 6, Juni 2018, S. 90 f., in einem Themenheft zu Beckett.

Urheberrechte für diesen Beitrag bei Geneviève Morel und Le Nouveau Magazine Littéraire

Kontakt: genevieve.morel.gm [at] gmail.com
 

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Anmerkungen

Redaktion Savoirs et CliniqueFranz Kaltenbeck (1944–2018)

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Franz Kaltenbeck. Foto: Dodo Schielein

Franz Kaltenbeck, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs am 17. Oktober 1944 in Graz geboren wurde, reagierte besonders empfindlich auf die Wiederzunahme von rechtsextremen und fremdenfeindlichen Tendenzen in ganz Europa und besonders in seinem Geburtsland, in Österreich. Hierzu hat er am 15. Januar 2018 in der Zeitschrift Le Monde  einen Artikel veröffentlicht, in dem er seine Sorge über die Wiederkehr der extremen Rechten in Österreich bekundet, in seinen Augen die Konsequenz des Fehlens von Erinnerungsarbeit (vgl. die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Konsequenzen einer Lüge“ in „Lacaniana“ hier). Wie die vielen Tagungen und Seminare zeigen, die er seit mehr als 30 Jahren organisiert hatte, war eine apolitische Psychoanalyse für ihn undenkbar.

Nach der Schulzeit und dem Jurastudium in Graz, dann dem Studium der Slawistik in Wien leistete er in Salzburg und in der Steiermark seinen Militärdienst. Danach arbeitete er als Archivar, Übersetzer und Redakteur in einem Wiener Verlag, wobei er häufig nach Berlin und London reiste.

Mit etwa zwanzig verließ er Österreich, um dem Druck und der Zensur zu entfliehen die der Wiener Aktionismus erfuhr, dessen aktives Mitglied er war. Diese in Europa einflussreiche künstlerische Bewegung bemühte sich, mit dem Schweigen und der Verleugnung zu brechen, die in Österreich herrschten, bezogen auf die Mitverantwortung des Landes an den Naziverbrechen. Er beteiligte sich damals an mehreren Aktionen, zusammen mit seinem Freund Peter Weibel, heute Leiter des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Er gehörte zu einem literarischen Zirkel, der sich in den Wiener Cafés um den Dichter Reinhardt Priessnitz versammelte, dessen Biographie er später geschrieben hat (Reinhardt Priessnitz, der stille Rebell, 2006).

Im April 1976 kam Franz Kaltenbeck, zusammen mit seinem Freund Michael Turnheim, nach Paris und war bis 1981 Analysant und Schüler von Lacan. Währenddessen studierte er Linguistik und absolvierte er zugleich eine Ausbildung in Psychoanalyse. Um seine Analyse zu bezahlen, arbeitete er als Deutschlehrer und als Krankenpfleger.

Kurz nach dem Tode von Lacan im Jahre 1981 wird er Psychoanalytiker; seither empfing er französische und deutsche, bisweilen auch angelsächsische Patienten.

Er begann dann eine bis 1996 dauernde zweite Psychoanalyse. Währenddessen war er Mitglied der École de la cause freudienne (ECF) und bildete er sich insbesondere im Seminar von Jacques-Alain Miller aus sowie in der Section clinique der Universität Paris 8 Vincenne-Saint-Denis. In dieser Phase erwarb er einen Magister-Abschluss in Linguistik an der Universität Paris 7, dann ein Diplom in Psychoanalyse an der Universität Paris 8 und schließlich ein Diplom in Psychologie in Rennes. 1999 trat er aus der ECF aus – von 1994 bis 1996 war er Chefredakteur von deren Zeitschrift – und ebenso aus der Association mondiale de psychanalyse (AMP).

1984 begegnete er, bei einem Kongress des Champ Freudien in Buenos Aires, Geneviève Morel. 1986 bekam sie Jérôme; die Tochter Iris wurde 1988 geboren.

Von 1988 bis 1994 arbeitete er auch als Psychotherapeut und Leiter einer Gruppe von Erziehern am Institut médico-pédagogique in Montaigu im Jura. 

Während all dieser Jahre teilte Franz Kaltenbeck seine Woche zwischen Paris und Lille auf, um hier seine Patienten mit einer Beharrlichkeit zu empfangen, die durch nichts aufzuhalten war. In Lille unterrichtete er im Rahmen der Vereinigungen Savoirs et clinique und ALEPH. Regelmäßig intervenierte er als Psychoanalytiker in Gefängnissen von Nordfrankreich, vor allem seit 2006 in der Haftanstalt von Sequedin (Service médico-psychologique régional, Professor Pierre Thomas), und viele Jahre lang leitete er, zusammen mit Dr. Catherine Adins und Anne Adens, ein beliebtes Seminar für Kriminologie am Centre hospitalier régional universitaire von Lille.

Er ist eines der Gründungsmitglieder des Collège des psychoanalystes von ALEPH (Association pour l’Ètude de la Psychanalyse et de son Histoire) und gründete 2002 die Zeitschrift Savoirs et Clinique. Revue de psychanalyse, die bei Érès erscheint und deren Chefredakteur er bis zu seinem Tode war. Er wird schnell ein geschätzter Psychoanalytiker, der in zahlreichen französischen und internationalen Zeitschriften veröffentlicht wird.

Häufig wurde er weltweit zu großen Tagungen eingeladen, unter anderem an der New York University, in Südamerika, in Island und vor allem in Europa. Bei einer Reise nach Japan – wohin er mit Geneviève Morel im Rahmen eines Seminars gefahren war, das ihr gemeinsamer Kollege und Freund Daisuke Fukuda an der Aoyama-Gakuin-Universität in Tokio organisiert hatte – starb er überraschend in Kanazawa am 13. März 2018 an einem Herzinfarkt.

Er war ein unermüdlicher Arbeiter und ein gebildeter Leser von Freud, der Post-Freudianer und von Lacan, und er schrieb oft über Literatur, Kunst und Philosophie. In den letzten Jahren waren seine Lieblingsautoren vor allem Joyce, Beckett, Paul Celan, Shakespeare und David Foster Wallace. Er war mit dem Schweizer Künstler Dieter Roth gut bekannt, dessen Werke er kommentiert hatte, Arbeiten, die er gern auf den Umschlag von Savoirs et clinique setzte. Kurz vor seinem Tod arbeitete er an einem Artikel über Peter Weiss; ihm blieb nicht die Zeit, ihn fertigzustellen.

Er war auch Dichter und hat in deutscher Sprache veröffentlicht, vor allem in manuskripte. zeitschrift für literatur.

Er kannte keine Engstirnigkeit, verachtete das Cliquentum und hatte sehr unterschiedliche Freunde. Diejenigen, die ihn kannten, schätzten seinen Humor und seine Großzügigkeit. Seine Finesse, die Offenheit und zugleich Bestimmtheit seines Denkens verblüfften seine Gesprächspartner und konnten manche verunsichern – mit ihm langweilte man sich nie.  

Bei allen, die ihn gekannt und geliebt haben, hinterlässt seine Abwesenheit eine schwer zu bewältigende Leere: bei seiner Ehefrau, seinen Kindern, seiner Familie, seinen Freunden, seinen Schülern und bei seinen Analysanten, an denen er so sehr hing.

In Heft 24 von Savoirs et clinique erscheint die Bibliographie seiner französischen Artikel und Bücher über Psychoanalyse bis zum Jahr 2000 sowie die Bibliographie seiner deutschsprachigen Veröffentlichungen; die Fortsetzung wird im nächsten Heft erscheinen.

Aus dem Französischen von Rolf Nemitz
Urheberrechte für diesen Beitrag bei Redaktion Savoirs et Clinique

18. November 2017, bei SKEMA in Lille

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Jacques LacanBemerkungen über die HysterieÜbersetzt und mit Anmerkungen versehen von Michael Meyer zum Wischen

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Unbekannter Künstler: Herakles am Scheideweg.
Aus: Sebastian Brandt: Das Narrenschiff, 1497

Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Michael Meyer zum Wischen (in Zusammenarbeit mit Béatrice Ludwig, Susanne Müller und Elisabeth Seibold).
Lektorat und Schlussredaktion: Franz Kaltenbeck.
Erste deutsche Übersetzung.[note]Lacans mündliche Bemerkungen wurden transkribiert von J. Cornet und I. Gilson.
Veröffentlicht in: Quarto, 1981, Heft 2. Eine Abschrift dieser Publikation findet man in der Sammlung Pas-tout Lacan der École Lacanienne de psychanalyse hier.
Die Übersetzung des Textes wurde in einem Cartel der Kölner Akademie für Psychoanalyse Jacques Lacan zu „Die Namen des Vaters“ diskutiert. Diese Arbeit ist in die Bemerkungen zum Text eingeflossen.[/note]

In Erinnerung an die Zusammenarbeit mit Franz Kaltenbeck.

MMzW

Jacques Lacan

Bemerkungen über[note]Das „sur“ kann man auch so lesen, dass die „Propos“ des Psychoanalytikers auf der Hysterie beruhen, sich „auf“ sie stützen. Damit könnte der Text Lacans einer doppelten Bewegung und Geste entsprechen: einer Rückkehr zur Hysterie als Rückkehr zum Paradigma Freuds; damit verbunden ist jedoch eine Kritik des Freudschen Unbewussten als Ort unbewusster Vorstellungen. Die Hysterie wird auf dem Boden der borromäischen Klinik situiert.[/note] die Hysterie

Vortrag, gehalten am 26. Februar 1977 in Brüssel

Wo sind die Hysterikerinnen von ehemals geblieben, diese wunderbaren Frauen, die Anna O.s, die Emmy von N.s? Sie spielten nicht nur eine gewisse Rolle, eine besondere soziale Rolle, sondern sie waren es, die die Geburt der Psychoanalyse ermöglichten, als Freud begann, ihnen zuzuhören. Indem er ihnen zuhörte, hat Freud eine völlig neue Art der menschlichen Beziehung eingeführt. Was ersetzt diese hysterischen Symptome von früher? Hat sich die Hysterie nicht in das soziale Feld verschoben? Hätte die Verrücktheit der Psychoanalyse sie nicht ersetzt?

Dass Freud durch das, was die Hysterikerinnen ihm erzählten, affiziert wurde, das erscheint uns jetzt sicher. Das Unbewusste hat seinen Ursprung in dem Umstand, dass die Hysterikerin nicht weiß, was sie sagt, wenn sie sehr wohl durch die Worte, die ihr fehlen, etwas sagt. Das Unbewusste ist ein Sprachsediment.

Das Reale befindet sich am extremen Gegenpol unserer Praxis. Es ist eine Idee, eine Grenzidee dessen, was keinen Sinn hat. Der Sinn ist das, womit wir in unserer Praxis vorgehen: die Deutung. Das Reale ist dieser Fluchtpunkt wie das Objekt der Wissenschaft (und nicht der Kenntnis, die ihrerseits mehr als kritisierbar ist), das Reale ist das Objekt der Wissenschaft.

Unsere Praxis ist ein Schwindel, zumindest von dem Moment aus betrachtet, da wir von diesem Fluchtpunkt ausgehen. Unsere Praxis ist ein Schwindel: bluffen, die Leute aufzucken lassen, sie mit Worten blenden, die Machwerk sind, das ist nichtsdestotrotz das, was man üblicherweise Machwerk nennt – das heißt das, was Joyce mit diesen mehr oder weniger aufgeblähten Worten bezeichnete -, woher uns das ganze Übel kommt. Dennoch ist das, was ich sage, im Zentrum des Problems dessen, was wir mit uns tragen (ich spreche im sozialen Gewebe). Deshalb habe ich eben doch nahegelegt, dass es etwas gibt, was diese Aufgeblasenheit ersetzt, die das hysterische Symptom ist.

Das ist seltsam, ein hysterisches Symptom: Es zieht sich ab dem Moment aus der Affäre, ab dem die Person, die wirklich nicht weiß, was sie sagt, anfängt, Blabla zu reden… (Und das hysterische Männchen? Man findet nicht ein einziges, das kein Weibchen wäre).

Dieses Unbewusste, von dem Freud ganz und gar nichts verstand, sind unbewusste Vorstellungen. Was können wohl unbewusste Vorstellungen sein? Es gibt da einen Widerspruch in den Begriffen: unbewusste Vorstellungen. Ich habe versucht, das zu erklären, es aufzuschüren, um es auf der Ebene des Symbolischen einzuführen. Das hat nichts mit Vorstellungen zu tun, dieses Symbolische, das sind Worte und schlussendlich kann man es so auffassen, dass Worte unbewusst sind. Man erzählt sogar haufenweise nur das: insgesamt sprechen sie absolut ohne zu wissen, was sie sagen. Deshalb hat das Unbewusste keinen Körper, es sei denn aus Worten.

Ich bin in der Verlegenheit, mir bei dieser Gelegenheit eine Rolle zu geben. Aber: ich wage zu sagen: ich habe einen Pflasterstein in das Feld Freuds geworfen, ich bin darauf übrigens nicht stolz. Ich würde sogar darüber hinaus sagen, dass ich nicht stolz bin, in diese Praxis hineingezogen worden zu sein, die ich fortgeführt habe, die ich so weiterverfolgt habe, wie ich es konnte; wovon schließlich nicht sicher ist, ob ich sie bis zum Krepieren aushalte. Aber es ist klar, dass ich der einzige bin, der dem Gewicht beigemessen hat, wovon Freud durch diesen Begriff des Unbewussten angezogen war. All dies bringt bestimmte Konsequenzen mit sich. Dass die Psychoanalyse keine Wissenschaft ist, versteht sich von selbst, sie ist sogar genau das Gegenteil. Das versteht sich von selbst, wenn wir bedenken, dass sich eine Wissenschaft nur mit kleinen Mechaniken entwickelt, die reale Mechaniken sind. Und dennoch ist es notwendig, sie konstruieren zu können.

Darin hat die Wissenschaft wohl eine ganz künstlerische Seite, das ist eine Frucht der menschlichen Industrie; man muss damit umzugehen wissen. Aber dieses Umgehen-Wissen führt auf die Ebene des Machwerks. Das Machwerk ist das, was man üblicherweise das Schöne nennt.

Frage: Das Machwerk, ist das nicht der Kunstgriff? Der Kunstgriff zielt auf das Schöne, aber, was schön ist, das ist die Demonstration[note]Demonstration im Sinne von Beweis, Beweisführung.[/note]; nehmen wir die Zahl 4 in den nicht beweisbaren Propositionen[note] Proposition im logischen Sinne als „Aussage“.[/note]. Dazu sagt man: Elegant! Schöne Demonstration!

Was ich in dieser Geometrie, die ich ausbrüte und die ich Geometrie der Säcke und Schnüre nenne, Geometrie der Weberei (die nichts mit der griechischen Geometrie zu tun hat, die nur aus Abstraktionen besteht), zu artikulieren versuche, ist eine Geometrie, die widersteht, eine Geometrie, die im Bereich dessen liegt, was ich „alle Frauen“ nennen könnte, wenn sich die Frauen nicht gerade dadurch charakterisieren würden, „nicht alle“, zu sein. Deshalb ist es den Frauen nicht gelungen, diese Geometrie zu schaffen, an die ich mich hänge. Trotzdem sind sie es, die dazu das Material hatten, die Fäden. Vielleicht würde die Wissenschaft eine andere Wendung nehmen, wenn man aus ihr einen Webrahmen machte, das heißt etwas, das sich in Fäden auflöst.

Letztendlich weiß man nicht, ob dies alles die geringste Fruchtbarkeit haben wird, weil man, wenn man auch sicher ist, dass eine Demonstration schön genannt werden kann, in dem Moment ganz und gar ins Schleudern kommt, wenn es sich nicht um eine Demonstration handelt, sondern um dieses etwas, das sehr, sehr paradox ist, was ich zu benennen versuche, so gut ich kann: Monstration.[note] Das Wort „Monstration“ kann schwer ins Deutsche übertragen werden, bezieht sich aber – im Unterschied zur Demonstration – auf das „montrer“, das Zeigen. Dieses hat einen direkteren Bezug zum Realen; während die „Demonstration“ im Sinne der Beweisführung eher zum Symbolischen gehört. Dass Lacan die „Monstration“ der „Demonstration“ entgegenstellt, ist wohl im Kontext seiner Kritik der Freudschen Repräsentationstheorie einzuordnen.[/note]

Es ist merkwürdig wahrzunehmen, dass es in diesem Kreuz und Quer der Fäden etwas gibt, das sich vom Realen aufdrängt, wie ein anderer Kern des Realen, und das bewirkt, wenn man daran denkt… damit habe ich sehr wohl Erfahrung… weil man sich nicht vorstellen kann, wie sehr mich diese Geschichten plagen, die ich einmal „Fadenkreise“ nannte… das ist schon etwas[note]Es müsste eigentlich wörtlich heißen: „das ist nicht nichts“; was eine andere Formulierung ist. Im Deutschen jedoch zieht man sprachlich die Positivierung vor, bei der jedoch das Nichts/das Rien verloren geht.[/note], sie „Fadenkreise“ zu nennen… diese Geschichten mit den „Fadenkreisen“ sind eine wahre Plage für mich, wenn ich ganz alleine bin. Ich bitte Sie, sich daran zu versuchen. Sie werden sehen, wie das nicht repräsentierbar ist[note]Beachte Fußnote 5. Lacan geht es um das nicht repräsentierbare Reale.[/note]; man kommt sofort ins Schleudern.

Der borromäische Knoten: den kann man sich noch vorstellen, aber dazu braucht man Übung.

Von ihm kann man auch sehr gut Abbildungen erstellen, schwarz auf weiß, Abbildungen, die flächig ausgelegt sind, wo man sich nicht zurechtfindet: man erkennt ihn nicht wieder. Das ist ein borromäischer Knoten, denn, wenn man einen seiner Fäden bricht, werden die beiden anderen frei.

Es ist kein Zufall, wenn ich nun an Arbeit mit diesen Abbildungen[note]Französisch: „représentations“![/note] von Knoten ersticke – die da peinigen mich wirklich. Wenn ich die Praxis fortgeführt habe, wenn ich, wie von einem Geländer geleitet, geführt, dieses Blabla, das die Psychoanalyse ist, fortgeführt habe, ist es trotzdem auffällig, wohin mich das, in Bezug auf Freud, geführt hat (weil es bei Freud keine Spur vom borromäischen Knoten gibt). Dennoch berücksichtige ich sehr genau, dass ich von den Hysterikern geführt wurde, ich hielt mich nicht weniger an die Hysterie, an das, was man noch als hysterisch zu greifen bekommt (leider muss ich „Je“ sagen, denn „Moi“ zu sagen, das Bewusstsein mit dem „Moi“ zu verwechseln, das ist nicht seriös und trotzdem gleitet man leicht vom einem zum anderen).

Es ist dennoch verblüffend zu denken, dass wir das Wort „Charakter“ auch völlig durcheinander verwenden. Was ist ein Charakter und auch eine Charakteranalyse, wie Reich sich ausdrückt?

Das ist trotzdem merkwürdig, dass wir so leicht ausgleiten. Wir interessieren uns gut und gern nur für Symptome, und was uns interessiert, ist zu wissen, wie wir mit Blabla, mit unserem eigenen Blabla, das heißt mit der Verwendung bestimmter Worte, Erfolg haben… Das, was in den Studien über Hysterie auffällt, ist, dass es Freud fast auszukotzen gelingt, und sogar richtig, dass die Lösung mit Worten geschieht und dass der Affekt sich mit den eigenen Worten der Patientin in Luft auflöst.

Es gibt einen Typ, der hat sein ganzes Leben damit verbracht, an die Existenz des Affekts zu erinnern. Die Frage ist, ob nun der Affekt sich mit Worten lüftet oder nicht; etwas weht mit diesen Worten, das den Affekt harmlos macht, das heißt, dass er kein Symptom hervorbringt. Der Affekt bringt kein Symptom mehr hervor, wenn die Hysterikerin begonnen hat, das zu erzählen, worüber sie sich erschreckt hat. Zu sagen: „sie hat sich erschreckt“, hat sein ganzes Gewicht. Wenn es eines reflexiven Begriffes bedarf, dies zu formulieren, dann weil man sich selber Angst macht. Wir befinden uns hier im Kreislauf dessen, was absichtsvoll ist, dessen, was bewusst ist.

Die Lehre? Man versucht, bei den anderen ein „Wissen damit umzugehen“ zu provozieren, was heißt, sich in der Welt zurecht zu finden, die ganz und gar keine Welt der Vorstellungen ist, sondern eine Welt des Schwindels.

Frage: Lacan ist Freudianer, aber Freud ist kein Lacanianer?

Völlig richtig. Freud hatte nicht die geringste Idee von dem, was Lacan für sich als Jargon gefunden hat für dieses Ding, von dem wir die Idee haben… Ich kann von mir in der dritten Person sprechen. Die Idee der unbewussten Vorstellung ist eine total leere Idee. Freud hat tatsächlich neben das Unbewusste getippt. Zuerst ist das eine Abstraktion.

Man kann die Idee der Vorstellung nur nahelegen, wenn man dem Realen sein ganzes konkretes Gewicht nimmt. Die Idee der unbewussten Vorstellung ist eine verrückte Sache; aber so geht Freud sie an. Es gibt davon in seinen Schriften sehr spät Spuren.

Das Unbewusste? Ich schlage vor, ihm einen anderen Körper zu geben, weil es denkbar ist, dass man die Dinge denkt, ohne sie abzuwägen… Worte reichen dabei: die Worte verkörpern; was überhaupt nicht heißen will, dass man versteht, was das ist. Das ist das Unbewusste: man ist von Worten geführt, von denen man nichts versteht. Das beginnt bereits, wenn die Leute unüberlegt drauflos sprechen; es ist ganz klar, dass sie den Worten nicht ihr Gewicht an Sinn geben. Zwischen der Verwendung des Signifikanten und dem Gewicht der Sinngebung, der Art wie ein Signifikant wirkt, liegt eine Welt. Darin besteht unsere Praxis: sich dem zu nähern, wie Worte wirken. Das Wesentliche dessen, was Freud gesagt hat, ist, dass es den größten Bezug zwischen dieser Verwendung von Worten in einer Gattung, die Worte zur Verfügung hat, und der Sexualität, die in dieser Gattung herrscht, gibt. Die Sexualität ist gänzlich in Worte gefasst, darin liegt der entscheidende Schritt, den er gemacht hat. Dies ist wohl wichtiger als zu wissen, was das Unbewusste sagen will oder nicht. Freud hat auf diesen Umstand den Akzent gelegt. All dies ist die Hysterie selbst. Es ist keine üble Verwendung, die Hysterie metaphysisch zu verwenden: die Metaphysik, das ist die Hysterie.

Frage: Schwindel und Proton pseudos.

Schwindel und Proton pseudos ist das Gleiche. Freud sagt das Gleiche wie das, was ich mit einem französischen Namen bezeichne; schließlich konnte er nicht sagen, dass er eine gewisse Zahl von Schwindlern erzog.

Aus ethischer Sicht ist unser Beruf unhaltbar; deshalb bin ich übrigens krank, weil ich ein Über-Ich habe, wie alle.

Wir wissen nicht, wie die anderen Tiere genießen, aber wir wissen, dass das Genießen für uns die Kastration ist. Alle wissen das, weil das ganz klar ist. Nach dem, was wir unbedacht den sexuellen Akt nennen (als wenn es ein Akt wäre!), nach dem sexuellen Akt kriegt man keinen mehr hoch. Man sollte wissen: Ich habe das Wort „die Kastration“ verwendet, als wenn es eindeutig wäre, aber es gibt unbestreitbar mehrere Formen von Kastration. Alle Kastrationen sind nicht automorph. Der Automorphismus, im Gegensatz zu dem, was man glauben kann – morphe, forma –, ist ganz und gar keine Frage der Form, wie ich es in meinem Seminarjargon bemerkte. Die Form und die Struktur sind nicht das Gleiche. Ich habe davon feine Vorstellungen zu geben versucht, aber das waren keine Vorstellungen, sondern Darstellungen[note]Französisch: „monstrations“[/note]. Wenn man einen Torus umdreht, ergibt das etwas völlig Verschiedenes im Hinblick auf die Form. Man muss zwischen Form und Struktur unterscheiden.

Frage: Mit was verträgt sich der Schwindel gut? Mit der Form? Mit der Struktur?

Ich verfolge diesen Begriff der Struktur allein in der Hoffnung, dem Schwindel zu entgehen. Ich spinne diesen Begriff der Struktur ein, der dennoch einen Körper größter Offensichtlichkeit in der Mathematik hat, in der Hoffnung, das Reale zu erreichen. Man stellt die Struktur auf die Seite der Gestalt und der Psychologie, das ist sicher.

Wenn man sagt, dass es ein Unbewusstes gibt, dann ist die Psychologie eine Belanglosigkeit und die Gestalt ist dieses Etwas, von dem wir das Modell haben. Die Gestalt, das ist offensichtlich die Luftblase, und das der Luftblase Eigene ist, sich in nichts aufzulösen. Weil jeder von uns wie eine Luftblase gebaut ist, können wir den Verdacht hegen, dass es etwas anderes als die Luftblase gibt.

Es geht darum zu wissen, ob Freud ein historisches Ereignis darstellt oder nicht. Freud ist kein historisches Ereignis. Ich glaube, dass er sein Ziel verfehlt hat. Ganz wie ich. In ganz kurzer Zeit wird sich kein Mensch mehr um die Psychoanalyse scheren. Es hat sich da etwas gezeigt: Es ist klar, dass der Mensch damit seine Zeit verbringt, zu träumen, dass er niemals aufwacht. Auch wenn wir, wir anderen Psychoanalytiker, sehen können, was uns die Patienten liefern (wir sind ja genauso Patienten wie sie bei dieser Gelegenheit): sie liefern uns nichts als ihre Träume.

Frage: bezüglich der Schwierigkeit, die Kategorie des Realen weiterzugeben

Es ist sehr wahr, dass es nicht einfach ist, davon zu sprechen. Da hat mein Diskurs begonnen. Das ist ein sehr üblicher Begriff, der die völlige Entleerung von Sinn beinhaltet und zwar von uns als Deutende.

Frage: zur Kastration

Die Kastration ist nicht einheitlich, die Verwendung des bestimmten Artikels ist nicht vernünftig oder man muss ihn immer im Plural verwenden: es gibt immer Kastrationen.

Um den bestimmten Artikel anzuwenden, wäre es notwendig, dass es sich nicht um eine automorphe, sondern um eine autostrukturierte Funktion handeln würde, womit ich das bezeichnen will, was die gleiche Struktur hat. „Auto“ heißt nichts anders als selbst strukturiert, gleichartig gemacht, gleichartig verknotet (dafür gibt es haufenweise Beispiele in der Topologie). Die Verwendung von „der“, „die“ [Sg.], „die“ [Pl.] ist immer verdächtig, weil es Dinge gibt, die von der Struktur völlig unterschiedlich sind und die man nicht mit dem bestimmten Artikel bezeichnen kann, weil man nicht durchblickt hat, wie es gemacht ist.

Deshalb habe ich den Begriff des Objekts a ersponnen. Das Objekt a ist nicht automorph: das Subjekt lässt sich nicht immer vom gleichen Objekt durchdringen; von Zeit zu Zeit kommt es vor, dass es sich täuscht. Das ist es, was der Begriff vom Objekt a sagen will: er will sagen, dass man sich hinsichtlich des Objekts a täuscht. Man täuscht sich immer auf seine Kosten. Was hätte man davon, sich zu täuschen, wenn es nicht misslich wäre. Deshalb hat man den Begriff des Phallus konstruiert. Der Phallus will nur ein privilegiertes Objekt bezeichnen, dessen man sich nicht täuscht. Man kann nur „die Kastration“ sagen, wenn es Strukturidentität gibt, obwohl es 36 verschiedene, nicht automorphe Strukturen gibt. Liegt da das, was man das Genießen des Anderen nennt, eine Begegnung mit der Strukturidentität? Was ich sagen will, ist, dass das Genießen des Anderen nicht existiert, weil man es nicht mit „das“ bestimmen kann. Das Genießen des Anderen ist verschieden, nicht automorph.

Frage: Warum Knoten?

Meine Knoten dienen mir als das, was ich am nächsten der Kategorie der Struktur gefunden habe. Ich habe mir etwas Mühe gegeben, dahin zu gelangen, das auszusieben, was sich dem Realen annähern kann.

Die Anatomie beim Tier oder der Pflanze – das ist immer die gleiche Chose – besteht aus dreifachen Punkten, das sind Dinge, die sich teilen, das ist das Y, welches ein Upsilon ist. Das diente seit jeher dazu, Formen zu tragen, das heißt: irgendetwas, das Sinn hat. Es gibt etwas, von dem man ausgeht und was sich teilt: rechts das Gute, links das Böse. Was gab es vor der Unterscheidung Gut/Böse, vor der Teilung zwischen dem Wahren und dem Schwindel? Es gab bereits etwas, bevor Herkules am Scheideweg zwischen dem Guten und dem Bösen schwankte, er folgte bereits einem Weg. Was passiert, wenn man die Richtung ändert, wenn man das Ding anders ausrichtet? Ausgehend vom Guten hat man eine Zweiteilung zwischen dem Bösen und dem Neutralen. Ein dreifacher Punkt, das ist real, selbst wenn er abstrakt ist. Was ist die Neutralität des Analytikers, wenn nicht gerade das: diese Subversion des Sinns, das heißt diese Art von Sog nicht zum Realen hin, sondern vermittels des Realen.

Frage: zur Psychose, die dem Schwindel entginge…

Die Psychose, das ist schade… schade für den Psychotiker, denn schließlich ist es nicht das, was man an Normalstem erhoffen kann. Und dennoch weiß man um die Bemühungen der Psychoanalytiker, ihnen zu ähneln. Schon Freud sprach von geglückter Paranoia.

… More geometrico… auf Grund der Form präsentiert sich das Individuum, wie es gemacht ist, als Körper. Ein Körper reproduziert sich durch eine Form. Dem sprechenden Körper kann es nur vermittels eines Flops gelingen, sich zu reproduzieren, das heißt dank eines Missverständnisses seines Genießens.

Das was unsere Praxis offenbart, uns offenbart, ist, dass das Wissen, unbewusstes Wissen, einen Bezug zur Liebe hat.

… Struktur… Wenn man der Struktur folgt, überzeugt man sich von der Wirkung der Sprache. Der Affekt ist aus der Wirkung der Struktur gemacht, aus dem, was irgendwo gesagt wird.

Anmerkungen

Hello world!

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